In Vorbereitung auf den Zazentag 2009 in Rostock wurde am Abend zuvor eine Einführungsveranstaltung angeboten, die als offene Fragerunde gestaltet war.
Der Godo Bertrand Schütz leitete diese Einführung.
Erste Anwesende:
Mir stellt sich die Frage nach der Meditation. Was ist das überhaupt? Und wie geht das?
Bertrand:
Jetzt haben Sie ganz viele Leute hier, die auch Erfahrung haben, längere oder auch kürzere.
Diese Veranstaltung ist gerade auch für Leute, die wissen wollen, was das überhaupt ist.
Erst einmal wollte ich mich kurz vorstellen. Ich heiße Bertrand. Ich komme aus Hamburg.
Ich bin mit Anne und Renate gekommen, weil die Verantwortlichen der Zazengruppe in Rostock mich eingeladen haben.
Und das liegt daran, dass wir zusammen üben. Jeder von uns hat diese Übung kennengelernt, weil sie ihm jemand gezeigt hat.
Ich denke das ist das Kennzeichen von allem was lebendig ist: dass man es lernt, indem man einfach teilnimmt, so wie man als Kind lernt.
Aber ich denke auch Künste, Musik, ein Handwerk, lernt man im Grunde so. Es gibt keine Anleitung für die entscheidenden Dinge.
Auch bei der Kunst nicht. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt.
Ich glaube, deswegen hat sich diese Praxis über die Jahrhunderte und Jahrtausende lebendig erhalten.
Lebendig heißt natürlich auch immer gefährdet. Aber es ist bis zu uns gekommen.
Vielleicht noch etwas zu diesem Aspekt der Übung, im Vergleich mit der Musik oder mit dem Handwerk.
Der Unterschied ist vielleicht, dass es beim Zazen nicht auf ein Ergebnis ankommt. Beim Handwerk, und auch bei der Kunst, ist das Ergebnis wichtig.
Aber beim Zazen ist das Ergebnis nicht wichtig, beziehungsweise ist es nicht begrenzt. Es ist nicht fassbar. Aber dazu vielleicht später noch mehr.
Worum geht es beim Zazen? Ich würde sagen es geht um die Fragen, die man nicht lösen kann. Das sind die wirklich interessanten Fragen.
Zum Beispiel die Frage von Leben und Tod. Warum ist man auf die Welt gekommen, wenn man stirbt.
Das sind die Fragen, die wirklich interessant sind. Es sind aber auch die Fragen, die ganz entscheidend sind, also lebenswichtig.
Wenn man nicht mehr weiter kommt. Es ist interessant, wenn man sie intellektuell angeht.
Aber wenn man in einer Situation ist, in der man wirklich nicht weiter weiß, ist es für das Leben entscheidend.
Und das Zazen ist eine Antwort auf diese Fragen. Entscheidend ist glaube ich, dass es eine Antwort ist, es ist nicht eine Lösung.
Wie gesagt, die entscheidenden Fragen haben keine Lösung in dem Sinne.
Wie jemand mal sagte, ein echter Konflikt zeichnet sich dadurch aus, dass er keine Lösung hat. Sonst ist es kein Konflikt.
Sonst ist es ein vorübergehendes Problem, wofür man irgendeine technische Lösung dann findet.
Wenn man nicht mehr weiter weiß, dann „setzt man sich“. Das ist nicht als Wortspiel gemeint.
Das ist auch in der Tradition so, wie es weitergegeben wird, wie es dazu gekommen ist, dass das zum Zentrum der Praxis des Zen geworden ist.
Es wird überliefert, dass der Buddha tatsächlich, als er nicht mehr weiter wusste, sich hingesetzt hat in dieser Haltung, die wir üben.
Sie kennen wahrscheinlich alle die Geschichte vom Buddha, der hinausgegangen war.
An der Frage des Leidens hatte seine Suche ihren Ausgang genommen. Und er fand keine Lösung.
Er hat sehr viele mögliche Techniken ausprobiert. Er lebte in einer Zeit in einem Land, wo es sehr viele solche Lösungen gab, nämlich in Indien.
Und dort gab es allerhand Arten von Praxis, die eine Lösung für die Grundfragen des Lebens anboten.
Er hat sie alle ausprobiert und ist dabei fast draufgegangen.
Das ist, was man, denke ich, auch heute noch immer wieder feststellen kann,
dass die sogenannten Lösungen die wirklichen Probleme überhaupt nicht lösen sondern sie vielleicht noch verschärfen.
Das erleben wir auch in der Politik und so weiter. Politik ist ja der Versuch, Lösungen zu finden. Aber da geht es um begrenzte Probleme.
Aber die Grundfragen, die gehen über den Rahmen dieser technischen Lösungen hinaus.
Er hat sich also hingesetzt, er hat aufgehört, irgendeine Technik, irgendein Verfahren zu suchen, um seine Probleme zu lösen.
Und man sagt, dass er in dieser Haltung - die ich Ihnen noch genauer zeigen werde - so heißt es, dann erwacht ist,
das heißt er ist zum Buddha geworden, was ja ‚Buddha‘ bedeutet.
Vielleicht um das ein bisschen zu erläutern eine kleine Anekdote, das fiel mir ein, als ich hier her kam.
Während des Studiums saß ich einmal in einer Vorlesung, die ziemlich langweilig war, zusammen mit einem Studienkollegen von mir aus Afrika.
Wir guckten uns an und wir guckten auf die Uhr und so weiter. Und plötzlich sagte er:
„Ich wünschte, dass diese Vorlesung jetzt bald vorüber ist – aber das ist ja mein Leben, das dabei vorüber ist.“
Ich finde das kennzeichnet sehr genau das Problem mit unseren Lösungen. Man ist ungeduldig. Die Vorlesung ist langweilig.
Man möchte mehr vom Leben haben. Aber die Lösung, dass die Zeit schnell vorbei geht, löst das Problem überhaupt nicht.
Das heißt, dass man feststellt, dass eben das eigentliche Problem die Lösung ist. Oder umgekehrt, die Lösung ist das Problem.
Ist das in etwa klar? [Schmunzeln]
Wenn man für das Leben, für die Fragen des Lebens eine Lösung sucht, dann macht man aus seinem Leben einen Gegenstand.
Und das kann einen nicht befriedigen, weil es immer ungenügend ist. Und deshalb besteht die einzige Lösung darin,
dass man sich nicht mehr seinem Leben gegenüber sieht, seinen Schwierigkeiten, was auch immer einem begegnet, sich demgegenüber distanziert,
sich dazu stellt, als ob es ein Gegenstand wäre, den man von außen bearbeiten kann. Das heißt man springt mitten hinein.
Und warum die Haltung? Nun, man beschäftigt sich sozusagen mit dem was man hat, wenn man gar nichts hat, nämlich seinen Körper und seinen Geist.
Und die Haltung, die man einnimmt, ist eine Haltung, in der man genau das tut, was man als Mensch tun kann, nämlich sich aufrichten.
Man hat die Knie auf dem Boden. Das geht nicht immer von vornherein. Aber das ist, so erzählen uns die Orthopäden und Ärzte, etwas,
das auch den Menschen kennzeichnet, nämlich die Rotation der Hüfte. Man legt die linke Hand in die Rechte, so dass die Daumen sich berühren.
Das ist auch typisch für den Menschen, die Antiposition der Daumen, wie es heißt. Man richtet sich auf und beobachtet was geschieht.
Aber man beobachtet gar nicht in der Weise, dass man das sozusagen von außen tut, sondern man ist ganz dabei.
Das heißt man trennt sich nicht von dem, was man tut.
Und man überlegt natürlich auch nicht, ob es einem angenehm oder unangenehm ist – das ist nicht die Frage.
Das ist wie die Geschichte von der Vorlesung. Angenehm oder nicht angenehm, es ist mein Leben.Das ist die Grundhaltung, die weitergegeben wird.
Warum wird sie weitergegeben? Weil, so denke ich, die Essenz dessen ist, was man Lebendigsein nennt.
Das mag, wenn man es von außen betrachtet, merkwürdig erscheinen, dass einfach nur aufrecht sitzen das sein soll, was das Leben ausmacht.
Aber wenn man es ausübt, wenn man es ‚macht‘, dann stellt man fest, dass das tatsächlich sehr direkt etwas zu tun hat mit uns selbst.
Man sagt, man entdeckt sein wahres Gesicht. Also nicht die verschiedenen Aspekte oder die verschiedenen Spiegelungen, die man beobachten kann,
mehr oder weniger, sondern wirklich sein tiefstes Wesen.
Das war jetzt ein Versuch, eine Möglichkeit, zu beschreiben, worum es beim Zazen geht. Und wie bei allem, was ‚gemacht‘ werden muss,
was praktiziert werden muss, ist es sehr schwer, es von außen zu beschreiben. Das ist vielleicht auch ein Grund, weil ihr mich eingeladen habt.
Denn ich erläutere es auf eine Weise, und jemand anders erläutert es auf andere Weise.
Einige sind auch schon hier, die auch schon eine gewisse Erfahrung haben.
Vielleicht habt ihr Lust zu sagen, warum ihr das macht oder warum ihr das schon länger macht oder nicht so lange und was euch angezogen hat.
- Sie sagten, Sie wollen wissen, was Meditation ist.
Aber wahrscheinlich hatten Sie schon eine gewisse Idee, oder warum interessiert es Sie, zu wissen, was Meditation ist?
Erste Anwesende:
Ich bin mit meiner Freundin hierher gekommen, denn wir haben beide in unserem Leben beobachtet, dass wir einfach so eine Rastlosigkeit haben,
die wir nicht abschalten können.
Wo man sich da in etwas verbeißt und das in Gedanken immer wieder wiederholt und aus dieser Situation auch gar nicht herauskommt.
Jetzt hatten wir gelesen, dass Meditation ein Weg ist, vielleicht aus diesen ewigen Zwängen, die man sich da selber schafft,
mal wenigstens zur Ruhe zu kommen. Und wir würden gerne lernen wie das geht oder wie man das macht.
Bertrand:
Ich denke in einem tiefen Sinne stimmt das. Nur, wollte ich eben vorweg schon sagen, man sollte nicht glauben, dass die Zwänge,
oder was einen stört, das Problem ist. Es ist mehr das Verhältnis dazu. Wir kennen das alle, wenn das Leben zu hektisch ist,
wünscht man sich Ruhe. Wenn es zu ruhig ist, wünscht man sich, dass etwas los ist. Das ist eigentlich das Problem. -
Ja, was sind Erfahrungen von denen, die schon geübt haben oder die länger üben? Wird man ruhiger, oder löst es einen von Zwängen?
Zweiter Anwesender:
Ich bin vor etwa zwei Jahren dazugekommen, zu dieser Zengruppe hier in Rostock. Am Anfang ging es mir um Meditation und etwas ähnliches.
Ich hatte eine berufliche Krise und ich wusste absolut nicht weiter. Alle Lösungen, die ich in meinem Leben schon gemacht hatte und probiert hatte,
die haben nicht mehr funktioniert. Ich war irgendwie mit mir am Ende.
Dann bin ich zu dem Zazen gekommen. Ich habe mir verschiedene Meditationsgeschichten angeguckt,
wie sowas geht und mich hat diese Zen-Meditation am meisten angesprochen, weil sie so simpel ist.
Und ich habe gedacht, ja, da finde ich eine Lösung. Ich finde da irgendwie einen Weg aus meinem Dilemma heraus.
Als ich dann angefangen habe zu praktizieren, habe ich eigentlich oft nur Enttäuschungen erlebt.
Das was ich erwartet habe, was aus der Zen-Meditation für mich kommen sollte, ist eigentlich nie eingetreten.
Und trotzdem bin ich irgendwie dabei geblieben, weil da irgendwas war, das mich angesprochen hat.
Für mich ist es so, dass ich glaube, dass Zazen mein Leben schon verändert hat.
Also wenn ich so zurückblicke auf die letzten zwei Jahre, dann hat sich, ohne dass ich mir da direkt was vorgenommen habe, mein Leben schon verändert.
Ich bin irgendwie auch zu etwas gekommen, was ich gar nicht fassen kann.
Es hat sich in meinem Leben etwas getan, was ich gar nicht in Worte fassen kann.
Ich denke, dass ich manchmal die Sachen einfach mehr jetzt so nehmen kann, wie sie sind und wie sie kommen.
Also ich finde schon, dass Zazen auch etwas in Richtung Ruhe gebracht hat.
So eine gewisse Art der Ruhe ist schon gekommen, möchte ich sagen.
Bertrand:
Möchte jemand dazu etwas sagen, ergänzen, widersprechen?
Dritter Anwesender:
Soll ich das kommentieren? [Schmunzeln]
Die Umstände bleiben. Das Leben wird nicht besser oder schlechter in dem Sinne. Wie man den Blick wendet, ist letztlich der entscheidende Punkt.
Wenn man jetzt mit Worten sagen will, was die Lösung ist, oder so. Es gibt nicht eine Lösung im technischen Sinne.
Man ist mit all seinem Latein am Ende. Es war für mich übrigens ähnlich. Also sicherlich ein ganz anderer Punkt als eben genannt,
aber bei mir war es auch so, wo ich völlig am Ende war. Ich wusste einfach echt nicht mehr weiter. Ich hab auch überlegt, ob ich mich umbringe.
Ob das das einzige ist, was jetzt noch kommt..?
An dem Punkt habe ich überhaupt erst entdeckt, dass man das vielleicht auch ganz anders angehen kann.
Solange man außen sucht, solange man irgendeine Lösung sucht, draußen etwas zu verändern – das hatte ich alles getan, das war alles getan.
Da gabs nichts mehr. Das war ein ziemlich gähnendes schwarzes Loch, was sich da auftut.
Bis dann aus dieser Stresssituation, dass da nichts draußen ist, was mir helfen kann, quasi etwas kam was nach innen guckt –
das klingt immer ein bisschen albern: nach innen und nach außen gucken – aber wo man auf sich selbst guckt, wo man anfängt,
bei sich selbst zu gucken. Also, da fing eigentlich der Weg für mich an.
Bertrand:
Für den Buddha auch. Das ist ja das was überliefert wird – das was überliefert wird, ist auch ein bisschen legendär – aber es ist die Grundsituation.
Ich glaube das ist bei den meisten von uns so. Und die, die nicht so angefangen haben, die nicht ausgingen von einer ausweglosen Situation,
die kommen früher oder später dahin. Manche hören dann auf, weil sie sagen: „das bringt mir nichts“ oder „das macht meine Probleme nicht leichter“,
oder sie fangen dann an zu spüren, worum es geht. Das ist, was ich versuchte darzustellen: Die Ausweglosigkeit ist sozusagen der Beginn dessen,
worum es uns wirklich geht: Wir wollen leben. Oder? Wenn man sich umbringen will auch: man will ein anderes Leben.
Dritter Anwesender:
Klar, es ist ja auch in dem Moment eine Suche nach dem nächsten Schritt. Das ja sehr absurd, aber es ist eigentlich so:
Ich will aus dieser Situation raus, heißt das ja. Dieses Sich umbringen wollen bedeutet ja nichts anders als weg wollen von dem, was ist,
von der Situation.
Bertrand:
Das ist zum Beispiel ein Punkt, dass im Zazen einem deutlich wird, dass das was man als die absolute Katastrophe, das Schwarze Loch, betrachtet,
dass das so katastrophal gar nicht ist. Wenn es der Ausgangspunkt des Wegs oder der Wahrheit ist, wie wir das in unserer Tradition nennen,
wenn man dadurch die Wahrheit entdeckt, kann es so schlecht nicht sein, diese ausweglose Situation.
Es gibt von einem Meister, einem berühmten japanischen Meister, Ryokan, den Ausspruch: Wenn das Unheil oder die Katastrophe kommen soll,
dann ist es gut, wenn sie kommt. Wenn man sterben muss, ist gut, wenn man stirbt. Das ist die wunderbare Art, der Katastrophe zu entkommen.
Ich glaube das spiegelt das auch wieder.
Wie du es sagst „etwas tun“ - dabei muss man sehen, dass es etwas ist, wo man alle seine Ressourcen mobilisiert.
Deswegen ist für viele vielleicht der Ausgangspunkt diese Ausweglosigkeit, wenn man wirklich alles geben muss.
Solange man noch ein bisschen etwas in Reserve halten kann – sich die Situation ein bisschen anschauen – kommt man nicht an den Punkt.
Das stellt man auch fest, wenn man diese Haltung einnimmt. Man kann diese Haltung, ein wenig fortgesetzt, nicht üben,
wenn man nicht seine ganzen Reserven mobilisiert. Das ist aber überhaupt nichts äußerliches, denn äußerlich, mit Kraft,
kann man das nicht sehr lange halten. Das bedeutet eine ständige Wachheit in dem, was man tut.
Das hat also mit Kraft oder mit Übung im Sinne von Training nichts zu tun. Man sagt, es hängt nicht von den persönlichen Fähigkeiten ab
— Gott sei dank [Schmunzeln] — bei dem, was ansteht.
Aber es bedarf einer ständigen Wachheit, das heißt, dass man sich nie davon stiehlt, was man immer sehr gerne macht.
Das kann man feststellen, das ist nicht nur bei uns so. Unsere Art des Lebens, unsere Zivilisation legt das vielleicht nahe.
Denn wir haben eine Kultur und Zivilisation entwickelt, die eben alles Beschwerliche möglichst erleichtern will.
Aber nichtsdestoweniger ist das ein Thema, das man in allen überlieferten Texten findet, sich so ein bisschen davonzuschleichen,
aus dieser ständigen Wachheit, das heißt letztlich, aus unserem gegenwärtigen Leben, aus der Wirklichkeit.
Das Leben, unser Leben findet nirgends anders statt als jetzt und hier. Da können wir noch so sehr uns Gedanken machen.
Deswegen sind diese scheinbar ausweglosen Situationen wunderbare Ansatzpunkte.
Man mobilisiert auch, wie gesagt, die Ressourcen dessen was das heißt, Mensch zu sein. Nämlich zum Beispiel, aufgerichtet sein.
Man kann viele Theorien darüber durchspielen, was das Spezifische des Menschen ist. Man hat lange gedacht, es sei das Denken – das ist zweifelhaft,
vor allem, wenn man das Ergebnis sieht. Oder die Sprache?
Man weiß inzwischen, dass wohl andere Lebewesen auch Sprache haben und sehr effizient kommunizieren... und so weiter.
Aber die aufrechte Haltung ist etwas Charakteristisches. Und sich nun mal, wenn alle anderen Ressourcen erschöpft sind,
einfach mit dem beschäftigen, was man ist. Was bedeutet es, sich aufzurichten?
Und wenn man ganz präsent ist dabei, dann kann man auch entdecken, das was immer gesagt wird, dass Körper und Geist nicht getrennt sind.
Vielleicht werde ich Ihnen ein bisschen genauer erläutere, wie diese Haltung ist, oder dass Sie sie einnehmen.
Vielleicht können alle, die sie kennen, die Haltung einnehmen. Das geht nicht immer so von vornherein.
Man kann auch zum Beispiel den Fuß auf die Wade legen. Man kann auch im Schneidersitz sitzen.
Wichtig ist, dass man eine Stabilität entwickelt, die dadurch gegeben ist, dass man das Becken nach vorne neigt.
[Hinweis gebend:] Das Kissen ist zu niedrig. Wir haben aber auch andere da.
Entscheidend ist, dass man das Becken nach vorne neigen kann, deswegen ist das Kissen wichtig.
Das Kissen muss hoch genug sein, dass man das Becken nach vorne neigen kann, ohne übermäßige Anstrengung.
Es geht wirklich nicht um eine Leistung im üblichen Sinne.
Man neigt es über dem Sitzknochen, man spürt die Höcker, man sitzt nicht in der Mitte des Kissens sondern im vorderen Drittel.
Das Kissen erlaubt einem, über dem Sitzknochen, wie über einem Scharnier sozusagen, das Becken nach vorne zu neigen.
Deswegen ist zu empfehlen, bequeme Hosen zu haben, Jogginghosen zum Beispiel. Die traditionellen Gewänder sind am bequemsten.
Da kann man die Hose drunter ausziehen. Und das erlaubt einem, sich im Lot aufzurichten, das heißt ohne besondere Muskelanspannung.
Weil die meisten von uns ein bisschen steif sind, ist das nicht so einfach auf Anhieb. Man muss diese Beweglichkeit erst erwerben.
Diese Beweglichkeit, die im Wesentlichen eine Wachheit ist. Das ist die Hauptschwierigkeit.
Und dann kann man sich im Lot aufrichten. Es leuchtet ein, dass dann das Gleichgewicht, das Spiel mit der Schwerkraft,
nicht eine Frage der Kraft ist, sondern der Wachheit. Sobald man aus dem Lot ist, muss der Körper kompensieren.
Wenn man zu einer Seite neigt, oder nach vorn oder nach hinten, muss der Körper fest halten irgendwie. Und das schafft Verspannungen.
Das sind manchmal ganz minimale Unterschiede. Oft sind diese Verspannungen nicht bewusst.
Das ist das Geschäft der Physiotherapeuten und Masseure und so weiter und so fort. Das geht sehr sehr weit.
Diese Wachheit zu erwerben, dazu dient diese Haltung. Beziehungsweise in dieser Haltung ist diese Wachheit gegeben.
Letzten Endes ist es in jeder Haltung so. Nur diese Haltung schöpft unser Potential voll aus.
Man legt die linke in die rechte Hand und die Handkanten sind im Kontakt mit dem Unterbauch, richtet sich auf.
Und diese Aufrichtung wird fortgesetzt durch die ganze Wirbelsäule und setzt sich fort durch den Nacken.
Das heißt der Nacken wird eigentlich geöffnet bis hin zum Scheitel.
Man sagt, man drückt gegen den Himmel mit dem Scheitel und auf die Erde mit den Knien,
das heißt man lässt eigentlich das Gewicht durch die Oberschenkel in die Erde gehen. Und das geschieht durch diese Neigung.
[hinweisend] Genau, die Bewegung die Sie machen, das ist das Entscheidende, genau die. Das geht nicht so ohne Weiteres.
Wenn Sie die Knie unterstützen, weil es noch Schwierigkeiten gibt, sollten Sie dafür sorgen, dass Ihr Becken trotzdem höher ist als die Knie.
Zur Not kann man auch mal, um ein Gefühl dafür zu haben, sogar auf einem Stuhl sitzen, mit dem Kissen.
Denn das Kissen erlaubt einem, das Becken nach vorne zu neigen. Das ist ganz entscheidend.
Wenn die Knie höher sind als das Becken, behindert man sich ja selber.
Das hat ganz viele Konsequenzen. Das werden Sie selbst beobachten.
Eine davon ist: wenn man das Becken nach vorne neigt, ist die Atmung voll, ganz.
Sobald man aus dem Lot herausgeht, behindert man sich selbst in der Atmung. Die Atmung kann tief bis in den Unterbauch gehen.
Das ermöglicht das. Wir betonen mehr die Ausatmung, weil die Blockaden sich mehr in der Ausatmung zeigen.
Man achtet darauf, dass man möglichst tief ausatmet. Eine möglichst tiefe Ausatmung erlaubt dann auch eine entsprechend volle Einatmung.
Die Atmung wiederum nährt die Aufrichtung. Sie gibt Energie für die Aufrichtung, die nicht von der Kraft, der Willenskraft,
herkommt, die immer begrenzt ist.
Es gibt immer wieder Fälle, wo der Wille nicht mehr taugt. Das sind die ausweglosen Situationen. Aber, solange man lebt, atmet man.
Das kann man in jeder Stellung letzten Endes. Ob man sitzt oder liegt, es ist immer möglich, auf die Atmung zu achten.
Man senkt den Blick auf den Boden, etwa einen Meter vor sich. Man hat die Augen halb geöffnet.
Das ist ein Winkel von 45°. Sie werden beobachten, wenn Sie ganz präsent, ganz gegenwärtig sind,
dann haben Sie ein sehr weites Gesichtsfeld, ohne dass man irgend etwas besonderes anschaut oder mit dem Blick umherschweift.
Man bemerkt, dass mit der Fortsetzung der Übung alle Sinne wacher werden. Meditation bedeutet nicht, sich abschließen von der Außenwelt,
genau im Gegenteil, es ist Hineinspringen. Man muss drauf achten, dass wenn man den Blick senkt, dabei nicht die Stirn senkt.
Nur den Blick senken. Das liegt daran, dass wir die Neigung haben, das was wir tun uns vorzustellen.
Also wenn man etwas in den Blick nimmt oder gedanklich zu fassen versucht, dann folgt man mit dem Kopf.
Dann folgt der Kopf nach vorn. Und deswegen sagt man auch, dass man die Gedanken einfach vorbeiziehen lässt.
Man versucht nicht, die Gedanken zu verscheuchen. Es geht also nicht darum, wie man manchmal liest,
keine Gedanken zu haben oder Leerheit, oder Ruhe. Man verfolgt nicht etwas bestimmtes.
Weil letzten Endes ist das Verfolgen das, was die Unruhe schafft. Man will etwas anderes als das, was gerade jetzt ist.
Das schafft die Unruhe. Und wenn man es geschehen lässt, ohne es speziell zu nähren oder die Gedanken zu kommentieren, verkettet man gerne Gedanken.
Man sagt, „Ah, ich soll nicht denken“ - „achso aber jetzt hab ich ja gedacht“ - „naja, dann sollte ich aufhören zu denken“... und so geht es weiter.
Deswegen ist es am besten, man achtet auf seine Haltung und seine Atmung. Und die Gedanken kommen und gehen, so, einfach, von selbst.
In der Regel ist man, zumindest zu Beginn, genug mit der Haltung beschäftigt. Und man stellt fest, dass man meistens, ziemlich schnell,
sich verabschiedet und in den Gedanken oder Eindrücken versinkt.
Was man Gedanken nennt, ist alles was man sozusagen mit der Verstandestätigkeit herstellt.
Und wenn man das merkt, kehrt man einfach zurück zu seiner Haltung und zu seiner Atmung, seiner Ausatmung.
Man achtet zum Beispiel auch darauf, dass die Daumen waagerecht sind. Das heißt in den Händen, im ganzen Körper ist,
was die Physiologen oder Ärzte Tonus nennen, das heißt eine gewisse Grundspannung.
Und diese Grundspannung ist nichts anderes als dieses Gegenwärtigsein. Es ist nicht eine Spannung von etwas, was man erreichen will,
ein Ergebnis, muskuläre Anstrengung ... Sondern es ist einfach diese Gegenwärtigkeit.
Wenn man sehr angespannt ist, stellt man fest, dass die Daumen nach oben zeigen.
Man drückt, ... auch in den Schultern manifestiert sich oft die Anspannung.
Wenn man eher schlaff und dämmrig ist oder ähnlich, dann ist das Umgekehrte passiert.
Die Daumen fallen auseinander, die Haltung sackt langsam in sich zusammen und alles geht sozusagen auseinander.
Das ist die Frage der Gegenwärtigkeit. Es ist nicht eine Anspannung in dem Sinne.
Aber das hängt auch ab von der Lebenssituation, in der man ist. Manchmal ist man angespannt, weil eben die Lage so ist.
Man hat seine Arbeit verloren, weiß nicht wie man die Miete zahlen soll. Das ist normal. Das stellt man dann fest.
Alles was wir jetzt machen, das ist der Kern, das Geheimnis der Praxis des Zen. Alles andere dient dazu, diese Praxis zu fördern.
Zum Beispiel sitzen wir in der Regel eine halbe Stunde, und danach ist es gut, mal zu stehen.
Man setzt diese Aufmerksamkeit fort, im Stehen, im Gehen, und dann auch weiter in allem was man tut im Alltag.
Das ist zum Beispiel was wir morgen üben werden, einen Tag lang. Man beginnt den Tag mit Zazen. Dann frühstückt man.
Dann macht man das Geschirr. Man bereitet das Mittagessen vor. Man sitzt wieder, auch etwa eine Stunde, und so weiter.
Und so beeinflusst in dem Sinne die Praxis das Leben, aber umgekehrt nährt das Leben die Praxis.
Und alles was es gibt an Formen, dient nur dazu, das zu fördern und ist deswegen veränderlich.
Je nach den Umständen, wird es anders gestaltet, variiert. Das ist nichts fixes, nichts festes.
Dann zeige ich Ihnen vielleicht – oder alle, die es können, zeigen es vielleicht – wie das ist, wenn man im Gehen übt.
Wir nennen das Kinhin. Wenn man aufsteht, pendelt man sich aus. Ich zeige mal den ganzen Ablauf, man tut das gleiche, bevor man sich setzt.
Man steht auf, sachte, denn manchmal ist ein Fuß eingeschlafen. Mein erster Lehrer, Meister Deshimaru sagte,
dass das Zen, und speziell unsere Schule, die Soto-Schule, sehr fein, sehr einfach ist, und sehr genau.
Das ist diese Gegenwärtigkeit, und in den Bewegungen äußert sich das.
Das mag vielleicht für einen Beobachter von außen manchmal schön erscheinen.
Aber es geht überhaupt nicht darum, etwas schönes oder nicht schönes zu tun. Es geht nur darum, gegenwärtig zu sein.
Vielleicht ist es das, was man Schönheit nennt, aber das ist ein anderes Thema.
Man steht auf. Es ist gut, die Beine zu strecken, weil man sie gebeugt hatte.
Man kann sich aufstützen auf das Kissen und zugleich das Kissen zurecht drücken,
damit es wieder in Form kommt für die nächste Runde, die halbe Stunde. Man tut alles beiseite, an die Wand.
Dann stellt man sich im Raum auf, je nach Raum. Hier machen wir vielleicht einfach ein Rechteck.
Aber erst muss ich zeigen, wie das gemacht wird, für die, die es nicht kennen.
Also man bildet die Faust mit der linken Hand, und die Faust umfasst das oberste Glied des linken Daumens.
Und die Wurzel des linken Daumens legt man an das Sonnengeflecht, gleich unter dem Brustbein. Dort ist eine kleine Kuhle.
Die rechte Hand umfasst die linke Faust, und die Unterarme sind waagerecht, parallel zum Erdboden.
Ansonsten ist die Haltung des Oberkörpers die gleiche wie beim Sitzen: aufrecht, der Nacken in der Verlängerung der Wirbelsäule,
der Blick auch gesenkt, 45°, aber die Stirn fällt nicht, also der Kopf ist aufrecht. Und man geht jetzt...
Jetzt müssen Sie mich zwar angucken, da ich es erkläre, aber im Kinhin guckt man nicht etwas bestimmtes an.
Sobald man etwas anguckt, stellt man fest, dass sich das Gesichtsfeld einengt, und dass man in die Richtung geht, also aus dem Lot gerät.
Deswegen schaut man nichts bestimmtes an im Dojo, auch nicht jemanden. Aber jetzt ja, damit ich Ihnen das erklären kann.
Man geht im Rhythmus der Atmung. Es ist die gleiche Atmung wie beim Sitzen, das heißt verhältnismäßig kurze Einatmung und betonte Ausatmung.
Betont heißt nicht, dass man es forcieren muss. Aber man sollte darauf achten, dass man wirklich ganz ausatmet.
Das ist in der Regel für uns, wenn man nicht die Übung hat oder wenn man aus einem stressigen Alltag kommt, zu Beginn nicht so ganz einfach.
Man ist vielleicht ein bisschen kurzatmig, man hat Blockierungen. Forcieren kann man es nicht.
Eine Blockade löst man nicht durch Forcieren auf, man verstärkt sie nur. Aber auch nicht davor ausweichen. Das heißt, die Atmung begleiten.
Wenn man irgendwo eine Blockade hat, dabei bleiben. Ohne es gedanklich zu kommentieren.
Und mit der Zeit stellt man fest, dass es sich lösen kann. Manchmal nach kürzerer Zeit, manchmal dauert es länger, das ist egal.
Also mit der Einatmung macht man einen Schritt von einer halben Fußlänge, nicht mehr.
Nur soviel, dass man mit der Ausatmung das ganze Körpergewicht auf das vordere Bein verlagern kann.
Also das Körpergewicht ist immer nur auf einem Bein, dem vorderen Bein. Das hintere Bein trägt kein Gewicht,
aber der Fuß bleibt trotzdem flach auf dem Boden. Es geht um eine minimale, von außen kaum sichtbare,
Verlagerung des Gewichts von einem Bein auf das andere. Also nochmal: Einatmung, halber Schritt nach vorn, Ausatmung,
Körpergewicht auf das vordere Bein, dabei streckt man das Bein, streckt die Taille, die Wirbelsäule, den Nacken.
Am Ende der Ausatmung lässt man einfach die Einatmung kommen. Der Körper wird leichter und der Schritt löst sich mit der Zeit von selbst.
Und wieder Ausatmung. Und auch hierbei achtet man immer wieder auf die Körperhaltung und kehrt zur Haltung und zur Atmung zurück.
...und am Ende der Ausatmung, wieder einatmen...
Ist es vom Prinzip her klar?
Vierter Anwesender:
Wenn ich ausatme, und ganz ganz ausatmen will, dann muss ich den Bauch anspannen?
Bertrand:
Nein. Physiologisch nicht. Wenn du ganz ganz ausatmest, weitet sich der Bauch unten ganz leicht. Ich würde gar nicht darauf achten.
Nicht forcieren, sondern ganz in die Tiefe gehen. In der Regel kann die Ausatmung weiter sein, als man denkt.
Wo hast du den Eindruck, dass es sich anspannen muss?
Vierter Anwesender:
Wenn ich passiv ausatme, dann kann ich nochmal immer ein bisschen mehr rauskriegen.
Bertrand:
Ja gut, aber dann, wenn du so machst, kommst du aus dem Lot. Entscheidend ist, dass man im Lot bleibt.
Und dann einfach die Ausatmung möglichst tief hinunter führt. Nicht denken, dass man die Lunge auspresst,
dass man ein „Ergebnis“ hat, sondern einfach, dass man dem Vorgang folgt, wirklich ganz folgt.
Und dann stellt man fest, dass man in der Regel noch tiefer ausatmen kann.
Dritter Anwesender:
Es ist oft so, dass man denkt, wenn man hier drückt, dass man was raus kriegt. Aber es ist wesentlich mehr Volumen, wenn man hier locker lässt –
was man auch raus lässt. In Wirklichkeit drückt man die Luft an einer gewissen Stelle ab, wenn man den Bauch anspannt.
Es erscheint erstmal so, als wenn man es rausdrückt, aber in Wirklichkeit hält man was zurück.
Erst wenn man es wirklich ganz raus lässt, geht auch das Zwerchfell so, dass es wirklich die Luft raus lässt.
Bertrand:
Das ist das Problem, man verbindet Vorstellungen. Es geht nicht darum, Luft rauszupressen, es geht darum zu atmen, einfach.
Alles was man dazu sagt, soll begleiten, soll fördern. Sobald man sich auf eine Vorstellung fixiert, dann entsteht sowas,
was letztlich unvollständig wird.
Vielleicht können wir das jetzt mal machen. Jeder in seinem Rhythmus.
...
Mit der Einatmung macht man einen Schritt. Halbe Fußlänge. Nicht mehr, damit man das Gleichgewicht ohne Schwierigkeiten bewahren kann,
atmet aus und streckt dabei das Bein und die Wirbelsäule, den Nacken. Die Schultern lässt man los, also man achtet darauf,
dass die Schultern nicht angespannt sind.
...
Und am Ende der Ausatmung lässt man einfach die Einatmung kommen, macht den nächsten Schritt
... und wieder Ausatmen ...
Das ganze Gewicht auf das vordere Bein. Das Bein dabei strecken.
...
Immer wieder seine Aufmerksamkeit auf die Hände richten. Die Hände sind fest, also haben einen Tonus.
Das bedeutet, dass die Faust wirklich geschlossen ist, dass der kleine Finger nicht abgespreizt ist oder die Finger der rechten Hand,
die die linke Faust umfassen, nicht gespreizt sind, dass kein Abstand ist zwischen den Fingern. Das genügt für die Präsenz.
Der hintere Fuß bleibt flach auf dem Boden. Die Arme sind waagerecht, aber die Schultern sind entspannt.
Das erlaubt sogar, die Spannung in den Schultern, wenn Sie so wollen, abzuleiten. Hier - da haben Sie Tonus.
Mit der Ausatmung drücken sogar von den Ellbogen aus die beiden Hände leicht gegeneinander und gegen das Sonnengeflecht,
und dann kann man hier loslassen. Ja, das ist normal. Und hier, genau. Das Kinn ein bisschen einziehen. Der Blick ist nach vorne geneigt.
Und nur einen halben Schritt. Innerlich kann man aber ganz das Körpergewicht verlagern.
Fünfter Anwesender:
Wie komme ich um die Ecke? Gibt es da eine Vorschrift?
Bertrand:
Das ist eine gute Frage. Vielleicht können alle einmal gucken, ich erkläre das mal. Wie kommt man um die Ecke?
Also man geht im Dojo – Dojo ist der Ort, „Do“ heißt „der Weg“. Das ist die japanische Aussprache des Schriftzeichens,
was die Chinesen „Tao“ aussprechen, und was eine Übersetzung des Sanskrit „Marga“ ist.
Das sind alles keine fixierten Begriffe, das hat sich durch die Weitergabe von Kultur zu Kultur so ergeben.
Das Dojo ist der Ort, wo man den Weg übt. Im Dojo geht man im Prinzip parallel zu den Wänden, das heißt man geht gerade,
und wenn man die Richtung wechselt, macht man das im Rechten Winkel.
Das hat aber nichts mit Drill zu tun, sondern Sie werden feststellen, dass im Moment, wo Sie im Rechten Winkel drehen,
Sie Ihren Gedanken nicht folgen können. Wenn man seinen Gedanken folgt, schneidet man die Kurven.
Der Moment erfordert es, dass man ganz in seinen Füßen ist. Leute, die Dressurreiten machen, haben mir gesagt,
dass man Pferde nicht dazu bringen kann, im Rechten Winkel sich zu drehen. Das geht nicht, das kann man richtig beobachten.
Man muss in dem Moment ganz in seinen Körper kommen.
Fünfter Anwesender:
Es soll also ganz auf einmal geschehen?
Bertrand:
Ja genau, aber nicht zackig, sondern man geht, und dann wechselt man die Richtung und geht wieder geradeaus.
Fünfter Anwesender:
Ist es der Fuß, der als letztes vorne war.
Bertrand:
Ist egal, Sie fangen dann neu an. Sie drehen ganz und gehen dann weiter.
Und so im Prinzip immer, wenn man im Dojo geht. Wenn man nicht Kinhin macht, schlenkert man nicht mit den Armen,
sondern man hat die Haltung, die man Shashu nennt. So ist man im Kinhin [Kinhin-Handhaltung zeigend] und Shashu ist einfach so
[Shashu-Haltung zeigend].
Auch darin kann man sozusagen präsent sein. Und am Ende des Kinhin, das dauert in der Regel etwa 5-6 Minuten,
geht man einmal ganz zügig das Rechteck, das man gebildet hat, ab, bis man an seinem Platz wieder ist und setzt sich wieder.
Bevor man sich setzt, macht man Gassho. Das ist diese Haltung hier. Und das ist auch eine Haltung, die genau dieses Lot betont.
Die Finger sind etwa in Höhe des Mundes. Dabei darauf achten, auch die Schultern zu entspannen, das heißt, dass man in seiner Mitte sein muss.
Und man verneigt sich so, das nennt man Gassho. Das tut man, wenn man das Dojo betritt. Man betritt es mit dem linken Fuß.
Auch da ist man präsent in den Füßen. Man stolpert also nicht. Und wenn man rausgeht, mit dem rechten Fuß zuerst,
also dass man bis zuletzt präsent ist. Bevor man sich setzt, macht man Gassho. Das ist auch eine Haltung der Achtung,
des Respekts vor der Übung und auch vor denen, die mit einem üben. Und dann setzt man sich.
Wir können uns auch wieder setzen und brauchen nicht stehen zu bleiben.
[Alle setzen sich]
Haben Sie soweit Fragen. Die, für die es ganz neu ist, oder auch andere? Fragen?
Vielleicht noch eine Erläuterung zu dem Stock, der hier hinten liegt. In der Regel ist in der Mitte ein Altar, auf dem dieser Stock liegt,
der Kyosaku. Der dient dazu, diejenigen, die es wünschen, können an zwei ganz bestimmten Punkten, eben da wo man angespannt ist,
einen Schlag zu bekommen, mit dem flachen Teil. Aber nur die, die es wünschen. In manchen Büchern liest man,
das sei Strafe für zu wenig Konzentration. Das ist falsch. Es kann sein dass es manchmal so gehandhabt wurde, oder wird.
Aber das ist verkehrt. Wie ich schon sagte, wie alles Lebendige ist auch die Praxis des Zen immer gefährdet durch Tendenzen,
die letztendlich darauf hinauslaufen, es zu fixieren und damit wird es lebensfern oder stirbt. Das ist auch bedenklich dann.
Aber wie gesagt, alles was im Dojo gemacht wird, dient dazu, diese Gegenwärtigkeit zu fördern, auch zum Beispiel der Kyosaku.
Es gibt, nachdem man Zazen geübt hat, in der Regel wenn man zusammen übt, eine Zeremonie. Man singt. Alle Sinne werden angesprochen.
Es gibt Klänge. Für den Geruchssinn gibt es Räucherstäbchen. Für den Blick achtet man darauf, dass die Kleidung unauffällig sein sollte,
deswegen schreibt man das immer auf die Prospekte. Es geht einfach darum, dass man den Blick nicht ablenkt.
[auf die Aufschrift des T-Shirts eines Anwesenden deutend] Natürlich liest man da „Aerodynamics“.
Das ist normal, nicht wahr. Oder wenn man ganz knallige Farben hat, zieht das den Blick an.
Also es hat nichts mit falsch verstandener Askese zu tun, sondern es geht nur darum.
Wir haben früher immer schwarze Kleidung gesagt, aber eigentlich geht es darum, dass sie unauffällig ist.
Vierter Anwesender:
Warum Räucherstäbchen? Ist das nicht auch eine Ablenkung?
Bertrand:
Die Sinne werden empfänglicher in der Übung, generell. Deswegen achtet man darauf, dass man an einem Ort übt, wo es nicht zu laut ist,
weil man hört mehr. Und der Geruchssinn verfeinert sich auch. Das stützt einerseits.
Andererseits, wenn viele Menschen zusammen üben – es sollten sich alle natürlich waschen, aber es gibt trotzdem Körpergeruch,
auch wenn man gewaschen ist. Das ist normal. Und die Räucherstäbchen haben einen etwas anderen Geruch dann. Es muss nicht sein.
Aber es ist schon ganz sinnvoll.
Fünfter Anwesender:
Ich habe mich nie schlagen lassen, aber würde es gerne tun. Das ist mir noch nie erklärt worden, wie das Ritual ist. Das ist völlig ungefährlich, oder?
Bertrand:
Wenn es richtig gegeben wird und richtig empfangen wird, ist es ungefährlich. Deswegen gibt es eine ganz bestimmte Art es zu tun.
Man sagt Ritual, aber das wollte ich noch sagen zur Zeremonie: Ich mag das Wort Ritual nicht, weil Ritual bedeutet, denke ich,
eine fixierte Form von etwas. Und was wir im Zazen machen – und es verändert sich deswegen auch – ist eher ein Tun aus dieser Präsenz heraus.
Auch hier bedeutet „richtig“ bei der Art, wie man es gibt und empfängt, nur „präsent“.
Dass der, der es gibt, völlig präsent ist. Hoffentlich, weil sonst schlägt er daneben. Und der, der es empfängt, auch.
Da gibt es einen ganz bestimmten Ablauf. Man bekommt den Schlag mit der Ausatmung. Man gibt den Schlag auch mit der Ausatmung.
Also die Atmungen harmonisieren sich, kommen in Einklang, aber das geschieht nicht durch eine äußere Angleichung,
sondern dadurch dass man ganz präsent ist. Das ist etwas, was man dann feststellt: Wenn man ganz präsent ist,
dann ist man auch ganz im Einklang mit der Umgebung, mit den Anderen und mit den Umständen.
Das hat nichts mit Anpassung zu tun, sondern das ist wirklich Einklang. Das ist ähnlich wie das, was man Harmonie nennt.
Es ist aber wie in der Musik: Es muss jeder ganz bei sich sein, bei dem, was er tut bei seinem Instrument,
und gleichzeitig völlig offen sein, sonst funktioniert es nicht, weder bei einem selbst noch bei allen Anderen.
Deswegen kann nur jeder selbst für sich üben. Aber niemand übt wirklich allein. Eine isolierte Übung geht in die Irre.
Deswegen raten wir sehr davon ab, allein zu üben. Und wenn es nicht anders geht durch die Umstände,
ist es sehr wichtig in Kontakt zu stehen mit anderen Übenden.
Zweiter Anwesender:
Könnte man das Kyosaku nicht mal zeigen?
Bertrand:
Könnte man zeigen, ja. Möchte das jemand zeigen? Magst Du es zeigen [auf den dritten Anwesenden deutend]? An Dir [auf den
zweiten Anwesenden deutend]? Also wenn Sie teilnehmen am Zazentag zum Beispiel morgen wird das auch nochmal gezeigt werden.
Aber hier, ... warum nicht. Damit es alle erstmal gesehen haben. Wir sitzen alle zur Wand. Das ist auch das Kennzeichen unserer Schule,
dass wir zur Wand sitzen, nicht in den Raum. Jetzt tun wir‘s sonst können wir nicht miteinander reden.
Man setzt sich so, dass man den Blick auf den Boden senken kann, vor die Wand. Nur die Verantwortlichen sitzen in den Raum.
Sie gucken auch nicht die Leute an, aber sie kriegen so mit, was passiert. Es gibt in der Regel einen Moment,
wo der Verantwortliche aufruft zum Kyosaku. Das hören alle: „Kyosaku“. Der oder die Verantwortliche nimmt den Kyosaku vom Altar,
auch in einem bestimmten Ablauf, der auch dazu dient, die Präsenz wachzurufen. Der Verantwortliche geht dann im Dojo hinter den Übenden durch,
und er kann ihnen auch Hinweise zur Haltung geben. Zum Beispiel, indem man den Stock ganz einfach an die Wirbelsäule hält,
kann man spüren, ob man gerade sitzt. Wenn jemand den Kopf nach vorne fallen lässt – lass mal den Kopf nach vorne fallen [an den zweiten Anwesenden
gerichtet] – spürt man selbst. Man hat manchmal eine verschobene Körperwahrnehmung. Man sitzt so (schief) und denkt,
ich bin doch ganz gerade. Das haben die meisten von uns schon erfahren. Das ist eine der Funktionen des Kyosakuverantwortlichen.
Das andere ist, den Kyosaku zu geben. Also wenn man spürt, dass er hinter einem vorbeiläuft.
Fünfter Anwesender:
Das spürt man?
Bertrand:
Das merkt man, wenn man nicht mit seinen Gedanken beschäftigt ist und wenn man den Blick im 45°-Winkel senkt,
das ist physiologisch, hat man das weitestmögliche Blickfeld. Man sieht sehr sehr viel. Man nimmt viel wahr,
vielleicht besser gesagt: wahrnehmen als sehen. Und dann merkt man das, dass er kommt.
Und dann zeigt man an, indem man so in Gassho bleibt, dass man den Kyosaku empfangen möchte.
Der Kyosakuverantwortliche sieht das und signalisiert, dass er da ist, indem er die Schulter berührt.
Und dann verneigen sich beide voreinander. Man macht die rechte Schulter frei, indem man die Fäuste auf die Knie legt.
Auch da ist es wichtig, die Faust wirklich zu schließen, das ist auch eine Frage des Tonus,
und dadurch entsteht gleichzeitig eine gute Grundspannung auf der Seite, auf der man den Schlag bekommt.
Man wendet den Kopf ab in die Gegenrichtung. Das macht die Fläche frei, wo der Schlag erfolgen soll.
Deswegen ist es wichtig, möglichst viel Fläche zu bieten, dann kann man genau zielen. Wir gucken das nachher an.
Dritter Anwesender:
Man harmonisiert sich mit der Ausatmung. In dem Moment, wo ich ihn jetzt antippe und man sich gleichzeitig verbeugt,
atmen beide gleichzeitig aus, derjenige, der sich verbeugt und der Kyosaku empfängt. [Schlag vorführend]
Man atmet wieder ein und wieder aus [zweiten Schlag vorführend].
Bertrand:
Es ist wichtig, den Schlag mit der Ausatmung zu bekommen.
Dritter Anwesender:
Ich atme aus, er atmet aus. Wenn man einatmet, macht man sich selbst hart. Wenn man dann den Kyosaku nimmt, ist es sehr schwer.
Bertrand:
Das tut dann weh, wenn man einatmet und sich verhärtet.
Sechster Anwesender:
Das ganze ist wie ein Rhythmus. Antippen, Verbeugung, Eins, Zwei. Und dadurch stimmt es auch zwischen dem Gebenden und dem Nehmenden.
Bertrand:
Und am Schluss verneigt man sich wieder. Man bleibt präsent bis zuletzt. Man neigt oft dazu, wenn man etwas fertig gemacht hat,
gleich wieder davonzuschwirren. Hier bleibt man präsent. Soviel zum Kyosaku.
Vierter Anwesender:
Noch eine Frage zum Atmen. Wenn man ganz normal sitzt, spielt es eine Rolle, was länger ist? Einatmung oder Ausatmung?
Bertrand:
Wir achten darauf, dass die Ausatmung tendenziell länger ist. Man neigt eher dazu, die Ausatmung zu verkürzen.
Man vergisst die Einatmung nicht aber man vergisst manchmal, ganz auszuatmen. Das hat etwas mit diesem Lassen zu tun.
Man hält gerne fest. Man versucht sich zu bewahren.
Vierter Anwesender:
Ist es sinnvoll zu zählen?
Bertrand:
Nein. Also in unserer Schule tun wir das gar nicht. Es ist zwar so, dass wenn man zählt, beschäftigt man sich nicht mit etwas anderem.
Aber man beschäftigt sich mit etwas. Und es ist ganz wichtig, sich nicht mit etwas zu beschäftigen.
Das Problem ist nicht das Beschäftigen, sondern das Etwas. Man reduziert die Aufmerksamkeit.
Und die Gegenwärtigkeit im Körper ist eben nicht eine Reduktion. Es ist das volle Potenzial, was präsent ist.
Fünfter Anwesender:
Eine Frage zur Handhaltung. Werden die Unterarme aufgelegt und die Hände? Oder sind sie sozusagen frei im Raum?
Bertrand:
Das ist gut, dass du das fragst. Die Handrücken sollten aufruhen. Wenn man im Halblotus oder Lotus sitzt,
dann kann man die Hände auf den Fersen aufruhen lassen. Diese Gewänder sind sehr praktisch,
denn man kann sich aus den langen Ärmeln ein Kissen machen und die Handrücken aufruhen lassen.
Wenn man nicht solche Ärmel hat, dann kann man ein Handtuch nehmen, was man über die Leiste legt und so die Hände ablegen.
Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Man sieht auch solche Fotos, sogar von Klöstern.
Dritter Anwesender:
Ich lege die Ärmel so rüber und habe damit so eine Auflagefläche, wo ich die Hände ablege. Ansonsten spannt man etwas an.
Man merkt das erst gar nicht, aber man hält ja was.
Bertrand:
Das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil man unwillkürlich immer eine Spannung in den Schultern hat, wenn man die Hände nicht aufruhen lässt.
Deswegen ist das Aufruhenlassen der Hände ganz wichtig.
Fünfter Anwesender:
Wie verhält man sich, wenn das Bein einschläft?
Bertrand:
Man kann um den Kyosaku bitten. Das ist eine Hilfe. Man lässt es einfach. Es gibt einen Arzt in unserer Sangha,
der sich damit sehr beschäftigt hat: Also es ist nicht das Blut, das abgeklemmt wird. Solange wird das Blut nicht abgeklemmt.
Es ist eine Frage von Nervenendigungen im Bindegewebe, die auseinandergezogen werden. Dann hat man kein Gefühl mehr.
Das ist das was man Einschlafen nennt. Das ist harmlos. Es ist in der Regel eine Verspannung, die sich aber nicht so direkt lösen lässt.
Also erstmal würde ich gucken, bin ich wirklich im Lot? Habe ich das Becken wirklich nach vorne geneigt?
Weil im Lot zu sein bedeutet eben sich auch aufrichten zu können, das bedeutet eine Dehnung letztlich.
Man sagt Strecken, man sollte aber nicht die Idee haben vom Strecken, auch beim Bein, dass man etwas verriegelt.
Es ist das Gegenteil, denn es erlaubt die Durchlässigkeit. Und dadurch können sich solche Verspannungen lösen.
Manchmal dauert es länger. Es gibt Fehlhaltungen, die erst nach einer gewissen Zeit richtig zum Tragen kommen
und man kriegt die Probleme erst nach einer gewissen Zeit der Übung. So ist es wie mit allen Übungen letztlich.
Aber wie gesagt, der Kyosaku hilft manchmal. Das zeigt, dass das eine Verspannung ist.
Was würde es sonst helfen, wenn man hier auf der Schulter einen Schlag bekommt?
Der Kyosaku, so kann man sagen, was die Wirkung anbelangt, dass es ins Gleichgewicht bringt.
Wenn man sehr angespannt ist, entspannt ist. Und wenn man schläfrig ist, weckt es.
Wenn man mal davon gekostet hat, ist es in der Regel schwer, wieder davon abzulassen. Es ist sehr wohltuend.
Aber wie gesagt, nur diejenigen, die darum bitten, erhalten ihn. Oder nur ganz alte Schüler,
aber nur wenn ein Vertrauensverhältnis ist mit dem Unterweisenden. Wenn da ein persönliches Vertrauensverhältnis ist,
dann gibt es manchmal die Anweisung, einen Schlag zu geben, aber in der Regel nur auf Bitte.
Das Vertrauensverhältnis würde sein, dass ständig diese Bitte besteht, einen darauf hinzuweisen, wenn man nicht präsent ist.
Erste Fragende:
Ich habe noch eine Frage. Diese Neigung des Beckens, das habe ich nicht ganz verstanden.
Muss der untere Teil nach vorne gekippt werden oder der obere?
Bertrand:
Der untere Teil. Wir haben die Gewohnheit, auf Stühlen zu sitzen. Stühle waren ursprünglich nicht dazu da zu sitzen,
sondern es waren repräsentative Gegenstände. Der König oder der Richter sitzt auf einem Stuhl, und nicht so wie wir sitzen,
sondern ganz vorne. Interessant ist es aber eben in der Bezeichnung des Körperteils „Sitzknochen“.
Wenn wir auf dem Stuhl sitzen, sitzen wir auf dem Hintern und nicht auf dem Sitzknochen.
Dadurch ist der untere Teil des Bauchs erdrückt und wir können nicht voll atmen.
Wenn Sie diesen Sitzknochen spüren und ihn benutzen wie ein Scharnier, wenn Sie so wollen,
über das Sie das Becken leicht nach vorne neigen, bedeutet das, dass Sie das Kreuz befreien und sich aufrichten können.
Sie können zum Beispiel, was ganz gut ist, auf einem nicht so hohen Tisch sich auf die Kante setzen, wo man richtig den Sitzknochen spürt.
Und diese Bewegung ist es, auf die es ankommt. Und die bringt zum Beispiel den Schwerpunkt des Körpers in die Mitte des Dreiecks
zwischen Knie und Sitzknochen. Und das heißt, dass man sehr stabil ist und dann tatsächlich nur durch das Spiel mit der Schwerkraft sich aufrichtet,
gar nicht mehr muskulär das machen muss. Alles was aus dem Lot geht, muss muskulär kompensiert werden.
Ist klar, sonst fällt man um. Und dieses ganz feine Spiel, das ist es. Sie haben recht, es ist ganz weit unten.
Manche Leute haben Angst, dass sie ins Hohlkreuz kommen. Aber gerade dann kommt man nicht ins Hohlkreuz.
Die Wirbelsäule hat ihre normale physiologische Krümmung. Wenn man steht, ist es sowieso so.
Und das ist aber etwas, was die meisten von uns erst wecken müssen, dieses Gefühl.
Für Reiter ist es vielleicht ein bisschen einfacher, man reitet auch so.
Anne:
Aber die richtige Höhe ist auch wichtig.
Bertrand:
Die Höhe des Zafus ist ganz entscheidend. Deswegen haben wir die Kissen. Und diese Kissen sind in der Regel persönlich.
Sie können sich natürlich eins ausleihen. Aber wenn Sie regelmäßig üben wollen, das ist sozusagen das einzige,
was Sie möglichst persönlich haben sollten. Weil es gibt einen Spalt, und da kann man noch mehr Kapok reinstopfen,
und kann es genau auf die Höhe stopfen, die man braucht. Jeder ist anders gebaut, und das ändert sich auch.
Wenn man länger übt, ändert sich auch die Höhe, die man braucht. Das muss man herausfinden, das ganze ist letztlich Herausfinden.
Vierter Anwesender:
Das Gesäß und die Beine sollten aber nicht angespannt sein, oder?
Bertrand:
Es gibt eine Grundspannung. Wir müssen sehr aufpassen mit Vorstellungen.
Wir leben in einer Welt, in der man sehr gestresst ist und das Bedürfnis ist sehr nach ‚locker‘, ‚entspannt‘.
Nur, was man feststellt, ist, dass in der Regel die meisten von uns gestresst und gleichzeitig schlaff sind,
und dass wir diese Grundspannung erst wecken müssen. Deswegen ist es gefährlich, von locker und entspannt zu reden.
Die meisten assoziieren ‚entspannt‘, ‚Sofa‘. Das ist aber nicht sehr entspannt, weil man nicht richtig atmen kann.
Für den Rest des Körpers ist es nicht entspannend, für die Organe auf denen man liegt, ist es überhaupt nicht entspannend.
Aber in der Aufrichtung, das sagen die Ärzte zum Beispiel, haben die inneren Organe ihren Raum.
Wenn man auf dem Sofa liegt, überhaupt nicht. Es braucht eine Grundspannung, im Lot zu sein.
Aber im Lot zu sein erlaubt es, überflüssige muskuläre Anspannungen loszulassen.
Fünfter Anwesender:
Nochmal zur Atmung. Atmet man durch die Nase ein und aus? Oder durch den Mund?
Bertrand:
Nein, man kann es am Anfang tun. Wenn möglich durch die Nase, wenn man nicht eine verstopfte Nase hat.
Man kann am Anfang, wenn einem das hilft, 2-3 Atmungen ganz sachte durch den Mund machen. Wir halten nicht viel von Tricks in der Übung.
Es bringt nichts. Es gibt letztlich keinen Trick, gegenwärtig zu sein. Es gibt keinen Weg, um reinzukommen, wo man sowieso ist, wenn Sie so wollen.
Es gibt andere Übungen, die man machen kann drumherum. Das machen wir auch. Aber dann sind das wirklich Übungen für sich.
Zazen ist Zazen, es gibt kein Zusätzliches. Aber wenn die Nase verstopft ist, atmet man, so gut man kann.
Überhaupt macht man Zazen so gut wie man kann, je nach Situation. Zazen ist auch ein Spiegel.
Es spiegelt sich immer die gegenwärtige Verfassung, in der man ist. Aber man lernt, sich nicht zu verwechseln mit der momentanen Verfassung.
In einem Text, der übrigens „Spiegel“ heißt, Hokyo Zanmai „Samadhi des Schatzspiegels“.
Samadhi ist die Geistesverfassung während Zazen, und Schatzspiegel: Zazen wird als etwas sehr wertvolles, als ein Schatz angesehen.
In diesem Text heißt es: Die Reflexe im Spiegel – was ich sehe im Zazen, Zazen wird als Spiegel gesehen, weil es die Situation spiegelt –
sind Ich, aber ich bin nicht die Reflexe. Modern ausgedrückt: Man lernt, sich nicht zu identifizieren mit jeweiligen Zuständen,
Verfassungen und so weiter. Das nennt man: das wahre Gesicht entdecken.
Fünfter Anwesender:
Ich habe ein physiologisches Problem, was vielleicht für andere auch interessant ist, und zwar: ich habe eine schlechte Haltung,
normalerweise, dass der Kopf nach vorn hängt, und ich muss eigentlich, wenn ich aufgerichtet sitzen will,
muss ich eigentlich ständig immer von neuem, also fast mit jedem Atemzug mit den Ohren zurückgehen, den Kopf zurücknehmen.
Das muss ich dann auch tun, oder? Also nicht mit Gewalt, sondern normal. Also, ich meine ich bin aufgerichtet und es ist da,
so ist das bei mir nicht, also ich muss da ständig korrigieren.
Bertrand:
Das müssen alle tun. Alle müssen das tun, aber mit der Zeit wird das unbewusst. Das ist es. Dann wird es manchmal wieder bewusst.
Auch wenn jemand sich verletzt, dann muss er auch da gucken, wie er damit klarkommt. Das kennen wir alle.
Man sagt immer „zur Haltung zurückkehren“. Die Haltung ist nichts fixiertes.
Das Entscheidende ist, das ganze Leben findet statt in Rhythmen, einatmen, ausatmen. Es ist Zurückkehren.
Fünfter Anwesender:
Ich hab gefragt, weil ich dann das Gefühl hab ich bin im rechten Lot, und der Kopf hängt trotzdem noch etwas nach vorne.
Und das muss ich extra noch immer korrigieren. Und das sollte ich auch tun, oder?
Bertrand:
Aber das ist das Entscheidende. Meister Deshimaru sagte: Verrückte sagen, ich bin doch nicht verrückt, die anderen sind verrückt.
Diejenigen, die merken, dass sie ein bisschen verrückt sind, die sind so verrückt nicht.
Mein jetziger Lehrer Philippe Coupey sagt: Die Hände wieder zurückzunehmen – manchmal gleiten die Hände ja nach vorne –
zurückzunehmen an den Bauch, das ist Zazen. Zazen ist nichts Fixiertes. Es ist dieser Moment des Umschwungs oder der Umkehr.
Das gilt für ganz viele Bereiche. Der Moment wo man feststellt, die ausweglose Situation ist eigentlich der Moment,
wo der Weg beginnt, wo man wach wird. Im Moment, wo ich merke, ich muss wieder ins Lot, bin ich schon nicht mehr aus dem Lot.
Die Probleme sind, wenn wir sagen: so ist es richtig, ich weiß es ist so.
Weitere Fragen?
Zweiter Anwesender:
Eine Sache fällt mir noch ein, die finde ich, noch wichtig ist. Wenn man sich zwischendurch bewegt – es kann zum Beispiel,
dass man so dolle Knieschmerzen hat – dass man mal kurz aus der Haltung rausgehen will oder möchte,
dass man dann bevor man aus der Haltung rausgeht, Gassho macht, dann aus der Haltung rausgeht, das macht, was man machen muss,
und auch sehr leise, und dass man dann am Ende dieser Sache auch wieder Gassho macht.
Dasselbe ist auch wenn man sich die Nase putzen muss oder husten muss.
Das ist ein Zeichen der Aufmerksamkeit und der Achtung den Anderen gegenüber.
Bertrand:
Das ist gut, dass du darauf aufmerksam machst. Man kann die Haltung auch verändern.
Und das was gerade gesagt wurde, Gassho, das ist diese Aufmerksamkeit beibehalten.
In der Regel macht man, was einen gerade treibt und man ist dann eigentlich auch nicht präsent.
Man macht Gassho und gleichzeitig ist es Achtung gegenüber den Anderen, weil natürlich stört es ein bisschen, wenn man sich bewegt.
Und man kann die Haltung verändern. Man kann das andere Bein hochnehmen, und wenn auch dass nicht geht, sollte man eine Haltung einnehmen,
in der man ruhig bleiben kann. Man kann zur Not auch so sitzen. Man sollte versuchen, möglichst in die Richtung der Zazenhaltung zu gehen,
aber Zazen ist letztlich die bestmögliche Haltung. Man sollte nicht hinter seinen Möglichkeiten zurückstehen.
Aber hier kann man trotzdem sich aufrichten.
Noch Fragen? Ja bitte.
Sechster Anwesender:
Das Körperliche haben wir jetzt gesprochen, aber wie ist es mit dem Geistigen? Manchmal klappt Zazen sehr gut,
manchmal aber trägt man so eine große Unruhe in sich. Man weiß: den Gedanken nicht folgen, oder die Gedanken beobachten.
Aber wenn die Unruhe in einem zu groß ist, dass man das Nicht-Folgen nicht schafft, wie kann man damit umgehen?
Bertrand:
Was heißt „nicht schafft“? Also der Moment, wo du merkst du folgst deinen Gedanken – das ist wie die Frage vorhin –
bist du den Gedanken nicht gefolgt. Du kommst zurück zur Haltung. Der Kyosaku kann da auch eine Hilfe sein, wie du weißt.
Manchmal auch nicht, dann ist das eben so. Einfach wider zur Haltung zurückkehren.
Sechster Anwesender:
Also dranbleiben, weiter versuchen.
Bertrand:
Ja. Man kann nicht ständig in den Gedanken bleiben. Man stellt auch fest, wenn man Schmerzen hat, man kann die Haltung wechseln.
Es ist keine Fakir-Übung. Deswegen ist es wichtig, was gesagt wurde über das Wechseln der Haltung.
Aber man sollte darauf achten, ein bisschen geduldig zu sein. Nicht auf den ersten Impuls oder die erste Unannehmlichkeit sofort versuchen,
aus der Haltung rauszukommen. Weil man stellt fest, dass zum Beispiel durch die Konzentration auf die Ausatmung sich Verspannungen lösen können.
Auch, dass zum Beispiel das Bein wieder wach wird, was eingeschlafen war.
Die Orthopäden sagen, es ist eine Haltung, die zutiefst richtig ist, weil sie im Lot ist. Sie erlaubt Anspannungen/Verspannungen zu lösen.
Deswegen sollte man versuchen, möglichst in Geduld zu üben. Auch wenn man aus der Haltung raus kann, wenn es nicht anders geht.
Und dann stellt man fest, dass sich Dinge verändern. Wenn man länger übt, zum Beispiel einen Tag oder zwei oder drei oder zehn Tage,
dann kann es Phasen geben, wo man Schmerzen hat, richtig Schmerzen, zum Beispiel Knieschmerzen. Eine Erfahrung, eine Beobachtung,
die sehr viele Übende machen: man versucht sich möglichst nicht zu bewegen, auch weil man die anderen nicht stören will und man denkt sich:
na ein bisschen geht noch, ein Atemzug geht noch, zwei auch noch. Man hat die Vorstellung, wenn man Schmerzen hat,
dass der Schmerz immer stärker wird. Und man stellt fest, dass es nicht so ist, dass es einen Moment gibt, wo der Schmerz nicht stärker wird.
Aber in der Vorstellung denkt man, das steigert sich unendlich und irgendwann halte ich es nicht mehr aus.
Aber es ist kein Sport, also man kann die Haltung lösen. Aber es ist auch eine interessante Beobachtung.
Wie Sie wissen, gibt es keinen objektiven Gradmesser für Schmerz. Das lässt sich nicht messen.
Man kann nicht jemandem sagen: Du hast keine Schmerzen. Das ist Quatsch. Aber es ist interessant für einen selbst, wie man damit umgeht.
Es gibt auch verschiedene Ursachen für Schmerzen. Es gibt auch Schmerzen, auf die man achten muss.
Wenn man sich verbrennt, dann weiß man, dass etwas heiß ist. Deswegen sage ich, es ist keine Fakir-Übung, wir sitzen nicht auf spitzen Nägeln.
Aber der Körper ist sehr wach, wenn man ihm die Möglichkeit gibt, das heißt er kann sich selbst wieder ins Gleichgewicht bringen.
Man stellt fest, dass Zazen diese Fähigkeit des Körpers sehr stützt. Das ist was die Ärzte Homöostase nennen, die Fähigkeit des Körpers,
sein eigenes Gleichgewicht zu bewahren. Also man schwitzt, wenn es heiß ist, man zittert wenn es einem kalt ist und so weiter...
für ganz viele Bereiche. Und deswegen ist es wichtig, sich nicht zu bewegen.
Nicht weil das eine asketische Übung ist, man bewegt sich nicht und ist durch nichts berührt.
Sondern diese ganz feinen Regulierungsmechanismen können nur zum Tragen kommen, wenn man nicht ständig mit dem Bewusstsein hineinfunkt.
Das ist es. Deswegen sagen wir „Beobachten“. Das Bewusstsein ist nicht abgestellt,
aber es ist nicht ein ständiges Eingreifen und Kommentieren von außen. Man erlaubt sozusagen diesen Regulierungsmechanismen, sich zu entfalten.
Und deswegen sind alle Funktionen des Körpers gestärkt, die nicht willkürlich gesteuert sind, zum Beispiel auch die Nerven.
Und dann wird man vielleicht auch im Alltag ruhiger. Nur es nützt nichts, darauf aus zu sein.
Die meisten von uns leben in einer Umwelt, die das autonome Nervensystem sehr strapaziert.
Siebte Anwesende:
Also ich würde das eigentlich auch machen, weil diese ganzen Reize, die man hat, Autoverkehr...
Mein Mann zum Beispiel, der braucht immer zum Frühstück Musik. Ich sag immer: mach das aus.
Es gibt Zeiten, da hat mich das richtig nervös gemacht. Jetzt haben wir noch ein Kind, was dazwischen ist und mich macht das total nervös.
Ich brauche einfach eine gewisse Zeit, wo ich keine Geräusche um mich herum habe.
Bertrand:
Es ist sehr beansprucht, und durch Zazen – das kann man auch feststellen – wird dieses sehr beanspruchte autonome Nervensystem,
was dann auch aufs Herz geht usw. gestärkt. Aber Zazen ist keine Therapie.
Im Gegenteil, durch Zazen kann man zum Beispiel – um zur Frage des Schmerzes zu kommen – vielleicht früher wacher sein für irgendeinen Schmerz,
der etwas indiziert, was eine Therapie benötigt. Und dann unternimmt man etwas dafür. Deswegen sagt man: Zazen ist ein Spiegel,
Achter Anwesender:
Wo befindet sich meine geistige Aufmerksamkeit, wenn jetzt zum Beispiel nicht so viele Gedanken da sind,
alles sich sozusagen senkt und man ruhig sitzt, wenn also alles „gut“ läuft, wo ist mein Geist dann? Hab ich ihn im Bauch?
Ist er in der Nasenspitze? Ist er einen Meter vor mir? Ist er überall?
Bertrand:
Umgekehrt, wo ist Ihr Geist nicht?
Achter Anwesender:
Wo ist meine Wahrnehmung vom Körper?
Bertrand:
Naja, Wahrnehmung und Geist ist vielleicht nicht ganz das Gleiche.
Achter Anwesender:
Naja, ich kann ja ein Kribbeln empfinden oder einen Schmerz oder eine andere Empfindung. Gehe ich dann da hin, guck sie mir an?
Oder lass ich das einfach sein und guck einfach weiterhin, allgemein präsent zu sein, ganz unspezifisch?
Also es gibt ja immer Phänomene, die im Körper ablaufen. Ein Kribbeln, ein Schweißtropfen läuft runter ...
Bertrand:
Das wird wahrgenommen, aber man fokussiert sich nicht darauf. Es gibt genug zu tun.
Es gibt zwar Leute, die sich im Zazen langweilen, aber die hören auf. Das ist mir eigentlich ein Rätsel.
Es gibt eigentlich immer ganz viel zu tun. Und wir isolieren uns ja nicht vom Alltag, wir müssen essen, wir machen sauber...
Aus der Ruhe kommt man wieder in die Bewegung hinein. Die Ruhe erzeugt Bewegung. Und Bewegung neigt wieder zur Ruhe.
Achter Anwesender:
Beim Sitzen selber hat man also ein Phänomen jetzt bemerkt, kann es ja auch ablenken wie ein Gedankenkonstrukt.
Bertrand:
Der Gedanke ist okay. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist nicht der Gedanke, es geht nicht darum, nicht zu denken,
es geht auch nicht darum, nicht wahrzunehmen. Das Problem entsteht, wenn wir an die Gedanken, an die Wahrnehmung etwas knüpfen,
wenn Sie so wollen: wenn man es kommentiert. In dem Moment ist man aber weg von der Gegenwärtigkeit,
man ist nicht wirklich bei der Wahrnehmung. Das ist das merkwürdige Phänomen. Wir verlassen das, worum es uns zu tun ist.
Wir versuchen, um es abstrakt zu sagen, zu konzeptualisieren. Wir machen daraus ein Gedankenbild.
Wir sagen: Ich habe die und die Wahrnehmung. Das ist das, was uns aus der Präsenz herausnimmt.
Das ist ganz nützlich. Aber es ist nur begrenzt nützlich.
Achter Anwesender:
Ich frage mich gerade, wenn die Sinne intensiver werden, wie du sagst, man riecht besser, man sieht viel, man spürt viel, man wird also ganz sensibel auf seine Körperwahrnehmung. Die werden letzten Endes ja mehr, wenn man es mal so betrachtet. Das heißt es laufen eigentlich auch mehr Reize zusammen in meinem Bewusstsein. Wie gehe ich mit den Reizen um?
Bertrand:
Es ist nicht mehr oder weniger, es sind die gleichen wie immer. Aber es sind keine Gegenstände, deswegen braucht man auch nicht damit umzugehen. Man folgt der Atmung, ... dann kommt der nächste Atemzug. Die Reize verändern sich, die Wahrnehmungen verändern sich. Es sind keine Dinge, wir machen daraus Dinge, wenn wir versuchen, sie gedanklich zu fassen. Und gleichzeitig, wie gesagt stärkt es auch die Fähigkeit, sozusagen sich nicht von den Reizen aus dem Lot bringen zu lassen.
Zweiter Anwesender:
Also ich denke, dass es eigentlich immer darum geht, immer zu der Haltung zurückzukehren. Zu dem wie man sitzt, wie die Daumen sind,
ist der Hals gerade... Was du sagst, da passieren so Sachen, da schmerzt was, da läuft der Schweißtropfen.
Dann würde ich da immer hinterher gehen. Aber es geht immer wieder darum, zur Haltung zurückzukehren und zur Atmung.
Und wenn man das tut, dann glaube ich ... also das ist für mich so, ...
Achter Anwesender:
Die Atmung kann ich mal allgemein nehmen als Prozess. Ich kann es an den Nasenflügeln merken, dass es ein und ausströmt,
ich kann es am Bauch an der Bewegung merken. Also worauf achte ich denn?
Bertrand:
Auf alles.
Zweiter Anwesender:
Auf alles.
Bertrand:
Und am besten, man vergisst es gleichzeitig. Alles gleichzeitig. Das ist wie wenn man Auto fahren lernt oder Schwimmen lernt:
Man muss immer alles gleichzeitig machen. Aber wenn man es alles bewusst machen will, dann klappt es bestimmt nicht.
Zum Glück gibt es Funktionen im Körper, die nicht bewusst ablaufen, sonst wären wir schon lange tot.
Ja, also morgen besteht die Möglichkeit, einen Tag lang im Rhythmus des Zazen und der Verrichtungen des Alltags zu üben.
Wie Sie sehen, wir sind in Kontakt. In allen Städten gibt es die Möglichkeit zu üben und wir organisieren auch gemeinsame Übungsperioden,
einen Tag, anderthalb Tage, zweieinhalb Tage, zehn Tage im Sommer, zum Beispiel an der Müritz in Neu Schönau.
Es gibt auch Informationsmaterial hier, auch Bücher, alte Zen-Texte und Kommentare zu Zen-Texten.
Anne:
Ältere Schüler können die Haltung auch immer mal wieder zeigen oder auch Korrekturen geben.
Dass man jetzt nicht jahrelang auf einem ganz flachen Kissen sitzt und furchtbare Schmerzen hat, sondern dass da auch, wenn man gemeinsam übt,
diese Möglichkeit gibt, dass die anderen einen da unterstützen.
Siebte Anwesende:
Ich fand das schon sehr interessant mit dieser ganzen Haltung. Ich hatte immer die Vorstellung,
bei der Meditation senkt man den Kopf und macht die Augen ganz zu. Aber da verspannt man ja auch wieder...
Bertrand:
Natürlich. Wir sprechen eben deswegen nicht so gerne von Meditation, weil sich bestimmte Vorstellungen damit verbinden
von sich abschließen und so weiter. Zazen bedeutet letzlich nicht etwas Spezielles tun. Und das scheint das Allerschwierigste zu sein.
Weil sobald man eine Vorstellung damit verbindet, dann macht man etwas und reduziert. Das ist genau das, was wir beschrieben haben.
Vierter Anwesender:
Rein aus Interesse: Die Tatsache, dass man die Augen so halb auf hat und schaut, ist das einfach nur eine Interpretationsform dieser Art von Zen?
Weil wenn man sich zum Beispiel diese Steinstatuen anschaut, die haben ja alle die Augen geschlossen, oder?
Bertrand:
Das ist unterschiedlich. Also wenn man den Blick wirklich einen Meter vor sich senkt, dann gucken Sie mal Leute an,
dann sieht es aus als wenn die Augen geschlossen wären. Aber man sollte vorsichtig sein bei Statuen.
Sie sind oft von Leuten gemacht, die selbst nicht üben. Und dann gibt es die ganzen Traditionen der Kunst, und gerade in Kulturen,
die sehr starke Kanons haben, Regeln für die Kunst. Deswegen ist das, was Anne sagt sehr wichtig. Ich habe das nicht betont.
In dem Zusammenüben, das hat natürlich sehr viel zu tun damit, dass man der Tatsache Rechnung trägt, dass man es von Anderen lernt,
und dass man sich möglichst immer in Auseinandersetzung befinden sollte mit Leuten, die mehr Erfahrung haben. Das hat damit zu tun.
Das ist ganz wichtig und sich nicht orientieren an Äußerlichkeiten. Statuen sind das, Fotos auch. Auch große Meister sind mal müde und angespannt.
Es zeichnet sie nicht aus als Meister, dass sie vollkommen sind.
Deswegen sollte man in einer lebendigen Beziehung sein und nicht an einem Bild sich festmachen. Auch Texte.
Texte sind interessant, wenn man sie im Lichte der Praxis betrachtet. Alle Texte des Zen sind aus der Praxis hervorgegangen.
Das sind Ausdrucksmöglichkeiten der Praxis. Weil die Praxis drängt zum Ausdruck. Das ist dieses:
Von der Ruhe in die Bewegung, auch in die Sprache. Die Zen-Literatur ist eine der reichhaltigsten des Buddhismus überhaupt.
Obwohl es vom Schweigen, von der Stille ausgeht. Aber das muss im Fluss sein, das ist wichtig.
Deswegen sind Texte interessant, aber man sollte sich nicht daran halten. Man sollte sich auch nicht an das halten, was ein Meister sagt.
Aber wenn man wirklich in einer Beziehung zu einem Meister ist, dann bringt er einen schon dazu, dass man sich nicht halten kann.
Weil er mal so, mal so ist, oder sich scheinbar widerspricht und so weiter. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil sonst wird man starr.
Das ist klar.
Sind sonst noch Fragen? Gut, dann, für heute können wir vielleicht abschließen.
Ja dann einen schönen Abend.