ZEN DOJO ROSTOCK
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Einführung in Zazen

Auf der folgenden Seite findet man den Text der Unterweisung (Kusen) vom Zazentag 2009 in Rostock, welche vom Godo Betrand Schütz gehalten wurde.




[Zazen in Stille]

[Kinhin]
Beim Kinhin achtet darauf, in den Füßen und in den Händen präsent zu sein, das heißt dass die Faust geschlossen ist um das oberste Glied des linken Daumens und dass die rechte Hand die Faust ganz umschließt, das heißt dass die Handfläche der rechten Hand ganz im Kontakt ist mit der Faust. Arme sind waagerecht, die Schultern entspannt. Mit der Ausatmung drückt ihr gegen den Himmel mit dem Scheitel und gegen die Erde mit der Wurzel des großen Zehs des vorderen Fußes. Das heißt, dass ihr bei der Ausatmung das vordere Bein streckt, und auch die Taille, die Wirbelsäule, den Nacken. Strecken bedeutet, dass ihr euch im Lot ausrichtet. Am Ende des Ausatmung lasst ihr die Einatmung kommen. Der nächste Schritt löst sich um eine halbe Fußlänge, ... und wieder ausatmen. Beachtet, dass die Hände auf der richtigen Höhe sind, das heißt die Wurzel des linken Daumens ist leicht unter dem Brustbein am Sonnengeflecht, nicht auf dem Brustbein sondern gleich darunter. Die linke Hand umfasst ganz den Daumen. Der Kopf ist gerade. Der Blick ist gesenkt, aber der Kopf ist gerade. Nach dem Gong-Schlag folgt einfach der Person vor euch, zügig, ohne Zwischenraum zu lassen, bis ihr wieder an eurem Platz seid.

[Zazen]
Die linke Hand ruht in der rechten Hand, und nicht die rechte in der linken. Das bedeutet auch, unnötige Anspannungen loslassen, sich setzen, die Aufmerksamkeit auf die Haltung richten, jeden Punkt der Haltung, das heißt die ganze Haltung. Zazen ist nicht etwas Zusätzliches. Zazen ist der Grund. Und so könnt ihr euch setzen, und zu eurer Ursprünglichen Verfassung zurückkehren. Das bedeutet nicht, einer Vorstellung von einem Ursprung folgen, einer Vorstellung von Entspanntheit, einer Vorstellung von Wachheit, sondern die Vorstellung loslassen und hierher zurückkehren, Jetzt. Die Haltung der Hände, des Beckens, der Wirbelsäule, dem Nacken, der Verlängerung, das Kinn leicht eingezogen, die Aufrichtung bis zum Scheitel, bis zum Himmel. Und so könnt ihr die Schultern loslassen, die Anspannungen im Unterkiefer, in den Schultern, im Bauch. Und ihr könnt die Knie in den Boden sinken lassen. Sorgt dafür, dass euer Kissen, euer Zafu hoch genug ist, damit ihr wirklich über dem Sitzknochen das Becken nach vorne neigen könnt, das heißt ihr sitzt nicht in der Mitte des Kissens sondern eher im vorderen Drittel. Das Kissen muss hoch genug sein. Wenn es nicht genug gestopft ist, dann nehmt eine Unterlage, legt nochmal eine Decke drauf. Es gibt hier auch noch andere kleine Kissen am Eingang des Dojos. Nehmt ein Zafu, ein Kissen, das euch genügend stützt. Es ist nicht umsonst, dass sich eine gewisse Größe und das Füllmaterial Kapok bewährt hat, denn es ist elastisch und zugleich gewährt es eine richtige Stütze. Es sollte auch breit genug sein, dass ihr das Becken nach vorn neigen könnt, ohne dass es instabil ist, dass ihr das Kissen halten müsst. Sich aufrichten und sich setzen, das ist eine Bewegung. Sich aufzurichten erlaubt es, sich zu setzen, erlaubt es, unnötige Anspannungen loszulassen und gibt Raum für die Atmung. Achtet auch auf den Kontakt der Daumen. Wach, die Daumenspitzen berühren sich und die Daumen bilden eine Waagerechte, treffen sich etwa über dem Mittelfinger. Die linke Hand ruht ganz in der Rechten, liegt ganz auf in der rechten Hand. Ebenso ruhen die beiden Hände. Der Handrücken ruht entweder auf der Ferse oder auf einem Stück Stoff, so dass die Schultern ganz losgelassen werden können. Die Ellbogen sind nicht ganz am Oberkörper. Sie sind nicht am Oberkörper, es gibt einen leichten Abstand. Man braucht nicht in den Schultern festzuhalten. Wenn ihr die Haltung wechseln müsst - das ist möglich - macht vorher Gassho. So bleibt ihr gegenwärtig. Und danach auch. Sucht eine Haltung, wo ihr aufrecht ruhig bleiben könnt.

Kyosaku!
...
Chukai!
...
Kaijo!

[Zazen]
Schon nach dem zweiten Zazen sichtlich richten sich die Haltungen auf. Jenseits von Wohlsein oder Unwohlsein, Ausgeschlafensein oder Nicht-Ausgeschlafensein. Die Wachheit, die Präsenz, von der die Rede ist, von Zazen, hat nichts zu tun mit den persönlichen Befindlichkeiten. Aber sie verwirklicht sich nicht anderswo. Immer da, wo ihr gerade seid. Es gibt kein Etwas, keinen Gegenstand, der zu ergreifen wäre.

[Kinhin]
Atmet tief aus, und streckt, dehnt den ganzen Körper in den Himmel und in die Erde. Das vordere Bein, die Wirbelsäule, den Nacken. Seid wach für die Haltung der Hände, der Arme, die Höhe der Wurzel des linken Daumens im Sonnengeflecht, gleich unter dem Brustbein. So wie ihr den Körper sich aufrichten lasst, lasst ihn atmen. [Glocke] Die Pfeiler bleiben stehen in der Mitte.

[Zazen] Im Zazenshin sagt Dogen also, es ist nur durch die Praxis und die Übung, wie sie vom wahren Buddha und von wahren Meister, das heißt genau und direkt durch Zazen von Person zu Person weitergegeben wird, dass man vom Licht des Buddhas erleuchtet wird. Das ganze Zazenshin von Dogen handelt von Zazen, vom echten Zazen, von dem, was Meister Deshimaru das wahre Zen nannte. Dogen fährt fort: Heutzutage — das ist im 13. Jahrhundert gesagt worden — gibt es stumpfsinnige Menschen, die sich vorstellen, dass dieses Licht dasselbe ist, wie das Sonnenlicht oder das Mondlicht, das Licht des Feuers oder eines Edelsteins oder irgendein besonderes und geheimnisvolles, mysteriöses Licht. Was bedeutet es, vom Licht Buddhas erleuchtet zu werden, fragt er weiter. Und er antwortet: Es heißt das, was die echte Wahrheit bewahrt und zugleich weitergibt. Das was korrekt von Mensch zu Mensch, Person zu Person, durch Zazen weitergibt. Wenn man nicht vom Licht Buddhas erleuchtet ist, dann kann man es nicht bewahren und erst recht nicht es akzeptieren. Das echte Zen, der Weg, ist nicht leicht zu finden. Meister Dogen hat viele Jahre danach gesucht. Er musste Japan verlassen und hat sich den großen Gefahren, die es damals bedeutete überzusetzen übers mehr nach China, ausgesetzt, bis er dann Meister Nyojo traf in China. Doch auch in China war es nicht, obwohl er sagt, dass es bei weitem entwickelter war, als sein Land, war es nicht leicht, das echte Zen zu finden. Er sagt selbst im großen China, in berühmten Tempeln, gibt es Obere, die es nicht voll und ganz verstehen, oder die einfach ihr Lernen nicht vertiefen wollen. Oder wenn sie es verstehen, Zazen selbst nicht üben wollen. Auch wenn es in diesen Tempeln Regeln gibt, was die regelmäßigen Zazen-Zeiten betrifft und Regeln, was die Praxis selbst betrifft. Doch auf die eine oder andere Weise weichen die Verantwortlichen, sagt Dogen, so wie sie nur können, dem Zazen aus, auch wenn sie es unterweisen. Diese Sorge, dass die echte Praxis kennzeichnet, denke ich, alle bedeutenden Meister: Kodo Sawaki, Meister Deshimaru, der deswegen auch nach Europa gekommen ist, um dieses wahre Zen weiterzugeben. Und so auch in Bezug auf Texte die über Zen geschrieben werden, sagt Dogen, dass einige geschrieben wurden, aber dass sie wie gesagt nicht tief und klar waren und nicht sich mit der Übung selbst, der praktischen Methode vertieft beschäftigt haben. Meister Wanshi, sagt er, ist einer der wenigen, die die Praxis von Zazen korrekt beschrieben und weitergegeben haben. Das ist das Zazenshin, auf das er sich bezieht. Und darin sagt Wanshi: Die Weisheit des Buddhas, die das Selbst, oder einen selbst erleuchtet, hat keinerlei Sprosse, das heißt Anzeichen, Zeichen von Meigo (??). Meigo, das sind Illusionen oder Satori. Überhaupt keine Anzeichen von Meigo. Seine Einsicht hat nicht den anderen Partner, das Gegenüber. Es leuchtet hell, allein in der Welt. Dogen sagt in seinen Erläuterungen zu Wanshis Zazenshin: Da Zazen selbst von höchstem unendlichem Wert ist, ist es nicht nötig, den Wunsch zu haben, Buddha zu werden.

[Zazen] Achtet immer wieder auf die Haltung des Kopfes. Senkt nur den Blick, nicht die Stirn. Ihr werdet bemerken, dass es verbunden ist: Die Haltung des Kopfes mit der Haltung des Beckens. Die Haltung des Kopfes korrigieren heißt in die Aufrichtung gehen. Und die kommt von ganz weit unten, von der Beckenneigung aus. Und so erfrischt ihr die ganze Haltung. Und das leichte Einziehen des Kinns wiederum unterstützt die Ausatmung. Das heißt sie kann tiefer gehen, wenn das Kinn eingezogen ist, das heißt, wenn der ganze Körper sich in der Aufrichtung im Lot befindet. Das heißt, auf alle Punkte zugleich achten. Es ist nicht in der Weise, wie man auf einen Knopf drückt. Es ist kein Mechanismus, die Haltung ist kein Mechanismus. So sagt Dogen im Zazenshin: Ohne eine tiefe, vertiefte Untersuchung und Erforschung einer einzigen Sache kann nichts, nicht einmal eine Handlung klar werden. Und wer nicht die Essenz aller Dinge und aller Angelegenheiten vertieft untersucht, ist nicht ein Mensch echter Weisheit, noch ist er jemand, der den wahren Weg erlangt hat. Dieses „Alles“, nehme ich an, ist das gleiche „Alles“ in den Gelübden, die man singt, nach dem Hannya Shingyo. Alle Wesen retten, erlösen, alle Leidenschaften überwinden, alle Dharmas erlangen, die Vollkommenheit eines Buddhas erlangen. Was soll dieses „Alles“ bedeuten? Meister Deshimaru sagte: Ich habe alles erfahren. Er war kein Hochstapler.

Kyosaku!
Wenn ihr Kyosaku bekommt, achtet darauf, dass bevor ihr euch verneigt, ihr den Kopf ganz zur gegenüberliegenden Schulter in der Richtung dreht und euch dann neigt. Und auch da sind die Hände, achtet auf die Festigkeit. Wenn ihr die Faust macht, umfasst den Daumen und legt sie auf die Knie. Und bleibt wach in den Händen, wenn ihr den Schlag auf die Schultern bekommt. Wenn ihr nicht genau wisst, wie man Kyosaku bekommt, fragt den Shuso. Der Shuso ist dafür da. Fragt ihn vorher, vor Zazen, oder zwischendurch, dass er es zeigen kann. Oder den Ansprechpartner für die Neuen, den kann man auch fragen. Sich erkundigen, sich nach dem Weg erkundigen. Das ist die Weitergabe, von Mensch zu Mensch, von Person zu Person, direkt und unmittelbar. Man erhält keine Anweisung, keine Information. Es ist eine Kunde. Den Weg suchen, erforschen, unentwegt.

Chukai!

[Kinhin]
Achtet auf die Hände. Schließt die Faust ohne Verkrampfung. Umfasst die linke Faust mit der rechten Hand. Dazu sind die Handgelenke leicht angewinkelt. Man sagt, man soll sie nicht brechen, aber das ist wenn sie im Rechten Winkel stehen, das ist nicht so gut. Aber damit die Unterarme eine Linie bilden und die rechte wirklich die linke Faust wirklich umfassen kann, sind die Handgelenke leicht angewinkelt, damit wirklich die Handfläche der rechten Hand die linke Faust umfasst. Während der Ausatmung drückt man die beiden Hände leicht gegeneinander. Das geht von den Ellbogen aus. Dabei sind die Schultern entspannt, und die beiden Hände. Die Wurzel des linken Daumens drückt leicht gegen das Sonnengeflecht. Bei der Ausatmung. Mit der Einatmung lässt man alles los und es löst sich der nächste Schritt. Und wieder ausatmen. Achtet auch auf den Kontakt der Füße mit dem Boden, speziell die Wurzel des großen Zehs des vorderen Fußes. Dabei ruht das Gewicht nicht zu sehr auf der Ferse, damit ihr euch geschmeidig im Lot aufrichten könnt. Wenn ihr euch abstützt mit der Ferse, dann ist die durchlaufende Linie, die Senkrechte, abgeblockt. Immer ein leichter Kontakt, eine Fühlung mit dem Ungleichgewicht haben, damit das Gleichgewicht lebendig ist. Lebendig heißt auch, dass der ganze Körper atmet. [Glocke] Zügig laufen, alles ablegen, alles vergessen, das persönliche Bewusstsein.

[Zazen]
Den Kopf auch nicht nach hinten neigen, nicht nach vorn aber auch nicht nach hinten. Auf das Lot kommt es an. Es ist nicht „etwas machen“ es ist „etwas zulassen“, lassen, den Körper sich aufrichten lassen. Vorhin sagte ich, auf alles achten und alles vergessen. Aber man müsste vielleicht richtiger sagen, auf alles achten und sich selbst vergessen. Das ist die Geschichte mit dem Tausendfüßlern. Mit dem persönlichen Bewusstsein kann man niemals alles machen. Wenn der Tausendfüßler überlegt, welchen Fuß er wann hebt, dann verheddert er sich. Meister Deshimaru, wie ihr wisst, sagte: „unbewusst, natürlich, automatisch“. Das persönliche Bewusstsein ist es auch, das berechnet. Deswegen sagt man: die ganze Energie mobilisieren, wachrufen, in Gang bringen. Im Allgemeinen: mit dem persönlichen Bewusstsein rechnet man sich aus, welcher Einsatz welche Wirkung hervorruft, ob es sich lohnt. Oder man übt Druck aus und denkt, das ist „seine ganze Energie einsetzen“. Aber, wie ich gestern sagte, Meister Deshimaru sagte, Zazen, besonders in unserer Schule, der Soto-Schule, ist sehr fein, ganz einfach und sehr genau. Es ist die Einfachheit und Genauigkeit, mit der die Flüsse fließen, die Pflanzen wachsen, die Planeten kreisen, und die Berge sind. Die Berge sind oft ein Symbol, ein Sinnbild für Zazen. In das Gebirge sich zurückziehen, Zazen üben. Das bedeutet nicht, sich isolieren, sich abschneiden. Sondern Zazen üben. Inmitten der Erscheinungen. Sich nach dem Weg erkundigen. Das Zazenshin beginnt so. Ein Mönch fragt Meister Yakuzan, einer der großen Meister. Was tun Sie beim Zazen, das so aussieht, wie der regungslose Berg? Ich mache Shiryo in Bezug auf Fushiryo, antwortete der Meister. Shiryo: Bewusstsein, Denken - in Bezug auf Fushiryo: Nicht-Denken, Nicht-Bewusstsein. Der Mönch fragt weiter: Wie lernt man Fushiryo? - Der Meister antwortet: Hishiryo: Jenseits des persönlichen Bewusstseins, des Denkens. Meister Deshimaru sagte: Denken ohne zu denken, Denken aus dem Grund des Nicht-Denkens.

[Kinhin]
Dehnt gut das vordere Bein, die Taille, die Wirbelsäule, den Nacken. Wir unterbrechen das Kinhin und Katrin wird uns ein paar Übungen zeigen, um gegenwärtig zu sein, präsent zu sein. Die ein Kesa haben, können es ausziehen. Man kann sich überall verteilen im Dojo. Auch hier nach draußen können wir die Schwelle verschieben. [Es folgen Körperlockerungsübungen mit Katrin]
[Glocke]
Noch ein kurzes Zazen. [Zazen in Stille]

Es gibt jetzt ein Mondo. Ihr könnt Fragen stellen. Ich versuche zu antworten. Erkundigt euch. Fragen zur Haltung, zur Praxis. Stellt die Fragen die andere nicht stellen, obwohl sie sie auch haben.

Erster Fragender:
Am Freitag bei der Einführung, da habe ich so erwartet, dass du - ich hab ja schon öfters Einführungen mitgemacht, auch schon welche von Dir, in Hamburg zum Beispiel - und ich habe erwartet, dass das so abläuft, dass du sowas sagst, wie die Haltung und im wesentlichen also mehr Äußerlichkeiten erklärt. Dann hast du aber den Bogen sehr weit gespannt und das ganze Leben hereingeholt und die existenziellen Fragen. Das hat mich irgendwie auch wieder an mein eigenes Leben erinnert, und dass ich auch aus existenziellen Gründen zum Zazen gekommen bin. Und was ich mich frage ist, wie kann es sein, dass in einer bestimmten Haltung, also in der Haltung von Zazen, ich die Antworten für Lebens finde? Wie ist das möglich? Ist das überhaupt möglich? Und wenn, dann ist es doch fast wie Zauberei.

Bertrand:
Vielleicht denken wir das, wenn wir tatsächlich meinen, dass Haltung etwas Äußerliches ist. Aber ich denke nicht dass es etwas Äußerliches ist, das was wir Zazen nennen. Ich weiß, das ist nicht was du meinst, wenn du sagst, ein paar Äußerlichkeiten wegen Haltung. Aber Haltung ist etwas sehr tiefes. Und wir reden von Zazen, das ist Haltung. Das erinnert mich an eine andere Einführung, ein Vortrag den ich vor ein paar Jahren gehalten habe in Tübingen. Und um zu versuchen, das zu erläutern, habe ich ein Rund-Tisch-Gespräch erwähnt, das es mal gab in Hamburg aus Anlass der Wehrmachtsausstellung. Da kamen ethische Fragen auf, in gewissen Situationen, in einer Diktatur. Was sind die Maßstäbe? Wie kann man sich da verhalten? Jemand sagte da, es gibt zwei Arten von Problemen, von Situationen, von Schwierigkeiten. Das eine sind technische Probleme. Da gibt es eine Lösung. Und dann gibt es Fragen wo es keine technische Lösung gibt. Da kann man nur eine Haltung entwickeln. Das ist mir geblieben. Das ist das, was man in Zazen macht. Die Art, wie wir die Dinge angehen ist eben, wie man versucht, sich die Dinge vorzustellen. Man bildet Vorstellungen und Begriffe. Und die sind zwangsläufig, was wir dualistisch nennen, also Entgegensetzungen. Und die echten Probleme sind nicht von der Art. Die lassen sich so nicht lösen? Also wenn man zum Beispiel die Grundfrage nimmt: Warum lebt man, wenn man stirbt? Was ist der Zweck dann? Dieser Grund-Widerspruch. So wird es vorgestellt. Ob es wirklich ein Widerspruch ist, ist eine andere Frage. Also, Zazen löst gar nichts, wie wir wissen. Nicht in der Weise jedenfalls. Ich sagte, dass es eine Übung ist, wie jede andere. Jede andere Praxis, die künstlerische zum Beispiel. Nur dass es nicht um ein Ergebnis geht im Gegensatz zu, zum Beispiel, dem Handwerk oder der Kunst. Ich glaube das ist nicht ganz richtig, sondern das Ergebnis ist letztlich unendlich, nicht begrenzt, weil unser Leben unendlich ist. Aber wir wollen selbst unendlich sein, also unser kleines Ich. Das ist die Verkehrung. Und durch Zazen kommen wir zurück zur Wirklichkeit, zur Wirklichkeit die auch wir sind, die uns hervorgebracht hat. Ich glaube dieses Zusammenbringen, deswegen antwortet es auf unsere Fragen. Es ist eine Antwort nicht in der Weise, dass man dann sozusagen einen Trick hätte. Deswegen, ist es ja eben die Erfahrung die du machst: Sich hinsetzen, das soll eine Lösung sein für die Probleme? Das ist ja merkwürdig. Aber wenn man es tut ist es nichts Äußerliches. Und es geht über das hinaus, was man Sitzen nennt oder Liegen oder Stehen. Aber es ist immer ganz genau in dem was man im Augenblick tut. Deswegen ist die Haltung wichtig und es ist nicht irgendeine Haltung. Dogen sagt im Zazenshin: es ist nicht das, was man üblicherweise unter Sitzen versteht.
Ist das eine Antwort?

Erster Fragender:
Das ist eine Antwort.

Bertrand:
Andere Fragen?

Zweiter Fragender:
Es gibt diese Redensart: Viele Wege führen nach Rom. Und dann gibt es auch allerhand Zenschulen und jeder Lehrer setzt so gewisse Schwerpunkte. Gilt diese Redensart auch im Zen?

Bertrand:
Im Zen will man ja nicht nach Rom, wie du weißt. [Gelächter]

Zweiter Fragender:
Achso [Gelächter]

Bertrand:
Das ist auch eine äußere Sichtweise, denke ich. Natürlich gibt es eine Vielfalt von Möglichkeiten und wie du weißt ist es völlig frei. Jeder kann kommen und gehen wie er will. Nur, es ist glaube ich wie mit der Haltung. Existenziell gibt es nicht tausend Möglichkeiten, sondern dein Leben findet hier und jetzt statt. Hier, so wie du bist. Und wenn man die Haltung einnimmt zum Beispiel - ich habe es glaube ich auf dem letzten Sesshin in Neu Schönau versucht zu erläutern - gibt es nur einen Weg, für den der ihn beschreitet. Es gibt auch nur ein Lot in der Haltung. Es gibt natürlich soviele Lote wie es Menschen gibt, aber für die Praxis ist das ohne Bedeutung, von Außen gesehen. Jetzt gibt es nur ein Lot. Wenn ich gehe, gibt es einen Weg. Aber das ist nicht ausschließlich, sondern es ist einschließlich. Das ist dieses „Alles“, von dem die Rede ist. Nur indem man eine Sache tut, kann man alles tun. Und wie Dogen sagt, wenn man nicht alles tut, erfährt, dann taugt es nichts. Das ist dieses Allumfassende, das Eine, das ist das was hier und jetzt ist. In Bezug auf die Haltung: Man kann nicht keine Haltung einnehmen. Es gibt nicht etwas außerhalb. Man kann sich nicht nicht verhalten. Und deswegen ist es entscheidend, was man tut, welche Haltung man einnimmt. Das ist, was man Verwirklichung, Aktualisierung nennt. Was jetzt wirklich wird Was mache ich jetzt wirklich, im Moment. Das ist „Alle Wege“. Der Eine Weg, das ist Alle Wege. Okay? Interessante Frage. Weil oft Leute schockiert sind, wenn man sagt: Nur Zazen. Aber das ist, wenn man es von außen betrachtet. Natürlich: jeder kann machen, was er will. Aber wenn man übt, gibt es nur ein Zazen. Es gibt nur diesen Atemzug. Alles andere ist Spekulation, existiert nicht. Es gibt nur diesen, jetzt.

Dritte Fragende:
Wir, die schon länger praktizieren, wissen, dass Zazentage, Sesshins, Sommer- Winterlager sehr stark ziehen, uns immer wieder in die Praxis ziehen. Und da wir aber nicht nur mit älteren Schülern praktizieren sondern auch mit Anfängern, ist die Frage: Wieviel Zazen ist für Anfänger gut?

Bertrand:
Wieviel Zazen ist für ältere Schüler gut?
[Aus der Runde:] Ein Kilo.
[Gelächter]

Bertrand:
Ist Zazen gut? oder nicht gut?

Dritte Fragende:
Ist gut.

Bertrand:
Was bedeutet das? Es tut weh, es ist anstrengend...

Dritte Fragende: Ja, es beinhaltet alles. Es ist gut, es ist nicht gut, es ist schmerzhaft, es ist freudvoll.

Bertrand:
Ja, das denke ich auch, das ist es vielleicht. Weil es jenseits ist von Gut oder Nicht-Gut. Das ist, dass man es macht. Es ist Paramita. Paramita heißt: über alles Maß hinaus, das was man mit Vollkommenheit übersetzt oder Tugend. Aber es heißt letztlich: über jedes Maß hinaus, man kann es nicht messen. Deswegen kann man auch nicht sagen, soundsoviel Zazen und nicht mehr. Ich verstehe was du meinst, aber zuviel Zazen ist denke ich, wenn man auch misst. Wenn man sagt: ich mach noch was dazu, das kann nur besser sein. Das ist nicht aus der Gegenwärtigkeit heraus. Man achtet darauf, wie man gegenwärtig ist. Wenn man nicht mehr gegenwärtig ist, wenn man sich nicht gedulden kann, dann löst man auch die Haltung. Und dann bleibt man gegenwärtig. Deswegen macht man Gassho, deswegen ist das so wichtig. Das ist kein Formalismus, kein Ritual. Und so setzt man die Praxis fort. Du weißt, dass zum Beispiel ein ganz alter Schüler manchmal sagt: Hör mal auf, lass mal die anderen üben. Das ist natürlich eine Redeweise. Und das ist die Fortsetzung der Praxis. Gegenwärtig sein. Zazen hat nichts zu tun mit der sitzenden und liegenden Haltung, sagt Dogen. Deswegen kann es nicht ein Zuviel geben. Zuviel wird es, wenn man anfängt es zu konzeptualisieren. Etwas daraus zu machen. „Dann mach ich mehr und noch mehr“, oder „weniger“, „Nee, das ist zuviel“ oder manche Leute sagen „ich bin nicht ruhig“, „das hat keinen Zweck, wenn ich Zazen mache“ - das ist nicht so.
Ist das eine Antwort?
...
Man kann nicht ermessen, du weißt es ja auch aus Erfahrung, also Anfänger, jemand, den man zum ersten mal sieht, oder der vielleicht noch nicht Zazen gemacht hat. Aber das bedeutet nicht, dass er nicht präsent ist.

Noch eine Frage? Die letzte Frage - für heute.

Vierter Fragender:
Für mich ist es so zu beschreiben, dass durch Zazen, wenn man es übt, es in dem Moment einfach wird - einfach und klarer. Im Alltag, und auch durch das Umfeld, hat man das Gefühl, die Umwelt wird kompliziert, ich werde kompliziert. Mein Gefühl ist so gewesen, oder das Ideal, dass ich es schaffe, aus der Praxis heraus, die Umwelt einfach zu machen. Das ist mir aber bisher nicht gelungen. Also wo liegt mein Fehler?

Bertrand:
Das was du einfach nennst ist auch wieder eine Entgegensetzung zu dem, was du als kompliziert erlebst. Das gehört zu den Dingen, die greifbar sind. Wir kennen das alle. Man kommt in eine gewisse Geistesverfassung und möchte in der bleiben. Dass Zazen die Geistesverfassung ist, das ist keine Illusion, aber danach bildet man Vorstellungen, und das sind Illusionen. Das Entscheidende ist, die Praxis fortzusetzen, auch im Alltag. Das heißt das Dojo zu vergessen. Wenn du in deinem Berufsalltag bist, dann bist du in deinem Berufsalltag. Nicht zu versuchen zu vergleichen. Das sind Vorstellungen. Und dann kannst du im Alltag praktizieren. Dieses Zerrissensein ist, weil man nach außen schaut. Das ist auch ein langer Prozess. Auch das Karma, die Gewohnheiten. Unbewusst, natürlich, automatisch verändern sich die Dinge. Es ist nicht fassbar. Deswegen: die Praxis fortsetzen. Das heißt hier und jetzt zurückkommen. Nicht den Erinnerungen nachhängen, den Empfindungen. Empfindungen, das ist wie Gedanken.

Vierter Fragender:
Gut, also Praxis fortsetzen ist das Wichtigste. Aber mehr gibt es nicht? Also das ist nur der Knoten, den man zerschlagen kann. Es gibt also keinen anderen Trick?

Bertrand:
Welchen Knoten willst du zerschlagen?

Vierter Fragender:
Ich hab das Gefühl, dass da ein Knoten ist, denn man zerschlagen muss.

Bertrand:
Du brauchst nichts zu zerschlagen. Es ist genug, dass du dich in Zazen hinsetzt und dich auf deine Haltung und deine Atmung konzentrierst. Du brauchst nichts zu zerschlagen.

Dann machen wir noch ein kurzes Zazen. Dann eine letzte Zeremonie, ein letztes Samu und dann ein Imbiss.

[Zazen in Stille]

Kaijo!





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